Wie schmeckt Menschenfleisch?
Die meisten Menschen kommen in ihrem Leben nicht in die Verlegenheit, diese Frage selbst zu beantworten. Manche schon.
Die Überlebenden eines Flugzeugabsturzes in den Anden sahen sich 1972 mit einer Entscheidung konfrontiert, die kaum radikaler sein konnte: selbst verhungern oder das Fleisch bereits verstorbener Passagiere essen. Auch den Atakapa und anderen indigenen Völkern wurde Kannibalismus zugeschrieben. Allerdings lässt sich heute oft kaum noch trennen, was tatsächlich beobachtet wurde und was auf Feindbilder oder koloniale Rechtfertigungen zurückging.
Es gibt verschiedene Formen von Kannibalismus. Im Tierreich ist das Verhalten weit verbreitet und erfüllt je nach Art ganz unterschiedliche Funktionen. In westlichen Gesellschaften gehört der Verzehr eines Menschen dagegen zu den stärksten Tabus. Dennoch gab es einzelne Täter, die ihre Fantasien in die Tat umsetzten.
Die kurze Antwort
Die ehrliche Antwort auf die Titelfrage lautet: Es gibt keine wissenschaftlich belastbare allgemeine Geschmacksbeschreibung. Wiederkehrende Berichte vergleichen gegartes menschliches Muskelgewebe mit Schweinefleisch oder Kalbfleisch. Armin Meiwes sagte 2007 in einem Gefängnisinterview, es habe ähnlich wie Schweinefleisch, aber kräftiger und etwas bitterer geschmeckt. Andere historische Erzähler nannten andere Vergleiche.
Solche Angaben sind Anekdoten, keine kontrollierten Versuche. Es fehlen standardisierte Proben, unabhängige Prüfer, Blindverkostungen und reproduzierbare Bedingungen. Körperregion, Alter, Fettanteil, Lagerung, Verderb, Zubereitung, Gewürze und persönliche Erwartung verändern den Eindruck. Selbst bei gewöhnlichem Fleisch unterscheiden sich Geschmack und Aroma je nach Muskel, Fütterung, Verarbeitung und Garmethode. Wer aus einzelnen Täter- oder Reiseberichten einen festen Geschmack ableitet, behauptet daher mehr, als die Daten hergeben.
Was mit Kannibalismus gemeint ist
Biologisch bedeutet Kannibalismus, dass ein Individuum Gewebe eines Artgenossen frisst. Beim Menschen wird auch der Begriff Anthropophagie verwendet. Die wissenschaftlichen Einteilungen beschreiben vor allem Beziehung, Anlass und Funktion. Sie sind keine starren Schubladen, denn ein Fall kann mehrere Merkmale verbinden.
Endokannibalismus bezeichnet den Verzehr eines Angehörigen der eigenen Gruppe. Historisch ist er vor allem aus Bestattungsriten bekannt. Exokannibalismus richtet sich gegen Menschen außerhalb der eigenen Gruppe, etwa Feinde. Mortuärer oder funerärer Kannibalismus ist Teil eines Umgangs mit Verstorbenen. Ritueller Kannibalismus kann religiöse, symbolische oder soziale Bedeutungen haben. Überlebenskannibalismus entsteht in einer extremen Notlage, wenn andere Nahrung fehlt. Krimineller Kannibalismus steht mit Tötung, Leichenschändung, Macht, sexuellen Fantasien oder anderen individuellen Motiven in Verbindung. Autokannibalismus bezeichnet den Verzehr eigenen Körpergewebes. In der Zoologie kommen außerdem Begriffe wie sexueller und filialer Kannibalismus hinzu.
Diese Kategorien sagen zunächst nichts darüber, ob eine Behauptung historisch stimmt. Archäologen suchen an Knochen nach Schnittspuren, Zerlegung, Verbrennung und aufgeschlagenen Markhöhlen. Auch solche Befunde müssen im Fundkontext bewertet werden, weil Bestattungspraktiken, Gewalt und Nahrungsgewinnung ähnliche Spuren hinterlassen können.
Flug 571 und die Entscheidung in den Anden
Am 13. Oktober 1972 zerschellte ein Flugzeug der uruguayischen Luftwaffe in den argentinischen Anden. An Bord waren 45 Menschen, darunter Spieler des Rugbyvereins Old Christians Club, Angehörige und Besatzungsmitglieder. Zwölf Menschen starben beim Aufprall oder kurz danach, weitere erlagen in den folgenden Tagen ihren Verletzungen. Eine Lawine tötete später acht Menschen im notdürftig abgedichteten Rumpf.
Die Überlebenden saßen in großer Höhe zwischen Schnee und Fels fest. Sie hatten kaum Nahrung, keine wintertaugliche Ausrüstung und hörten über ein Radio, dass die Suche eingestellt worden war. Nach Tagen ohne ausreichende Kalorien beschlossen sie, Gewebe der bereits Verstorbenen zu essen. Sie töteten niemanden zu diesem Zweck. Einige verstanden die Entscheidung in ihrem katholischen Glauben als gegenseitige Hingabe, andere konnten sich zunächst nicht überwinden. Mehrere Männer erlaubten ausdrücklich, dass ihr eigener Körper im Todesfall den anderen helfen dürfe.
Fernando Parrado und Roberto Canessa brachen schließlich zu Fuß nach Westen auf. Nach zehn Tagen erreichten sie Hilfe. Am 22. und 23. Dezember wurden die letzten 16 Überlebenden gerettet, 72 Tage nach dem Absturz. Als die Art ihres Überlebens öffentlich wurde, reagierten viele Menschen zunächst mit Abscheu. Eine Pressekonferenz und die Unterstützung katholischer Geistlicher veränderten die Wahrnehmung. Der Fall gilt heute als klassisches Beispiel für Überlebenskannibalismus, weil die Betroffenen in einer außergewöhnlichen Notlage Körper bereits Verstorbener nutzten.
Ähnliche Situationen sind aus Schiffsunglücken, Belagerungen und Hungersnöten bekannt. Nach dem Untergang der französischen Fregatte Méduse im Jahr 1816 wurden etwa 147 Menschen auf einem notdürftig gebauten Floß zurückgelassen. Nur 15 von ihnen überlebten die 13 Tage bis zur Rettung. Hunger und Durst trieben die Schiffbrüchigen schließlich dazu, von den Körpern Verstorbener zu essen.
Der Verzehr Verstorbener ist dabei rechtlich und moralisch von einer Tötung zur Nahrungsgewinnung zu unterscheiden. Eine Notlage hebt nicht automatisch jedes Gesetz auf, kann aber Schuld und Rechtfertigung grundlegend verändern. Beim Andenunglück wurden die Überlebenden nicht strafrechtlich verfolgt.
Rituale, Geschichte und vorschnelle Etiketten
Nicht jeder Kannibalismus diente dem Überleben. Bei den Fore im Hochland von Papua-Neuguinea gehörte der Verzehr verstorbener Angehöriger zu Trauerriten. Dabei verbreitete sich Kuru, eine tödliche Prionenkrankheit. Besonders infektiöses Nervengewebe übertrug fehlgefaltete Proteine. Nachdem die Praxis in den 1950er Jahren endete, verschwanden neue Erkrankungen bei jüngeren Generationen weitgehend. Kuru zeigt, dass der Verzehr menschlichen Gewebes neben gewöhnlichen Infektionsrisiken eine seltene, aber besonders schwere Gefahr bergen kann.
Andere Berichte sind unsicherer. Der Name Atakapa wird gewöhnlich aus einer Choctaw-Bezeichnung als „Menschenesser” übersetzt. Historische Darstellungen erwähnen möglichen rituellen Kannibalismus, doch selbst das Handbuch der Texas State Historical Association lässt offen, wie die Berichte einzuordnen sind. Eine pauschale Darstellung der Atakapa als kannibalisches Volk wäre deshalb unzulässig.
Europäische Kolonialmächte bezeichneten fremde Gruppen wiederholt als Menschenfresser. Solche Vorwürfe konnten Eroberung, Missionierung und Gewalt als Kampf gegen angebliche Barbarei rechtfertigen. Das bedeutet nicht, dass ritueller Kannibalismus nie existierte. Es bedeutet, dass jede Behauptung einzeln geprüft werden muss. Aussagen von Feinden, Missionaren oder Kolonialbeamten sind keine neutralen Beobachtungen. Moderne Anthropologie trennt deshalb zwischen belegten Praktiken, archäologischen Indizien, Erzählungen und politisch nützlichen Anschuldigungen.
Kannibalismus im Tierreich
Bei Tieren ist Kannibalismus kein moralischer Begriff, sondern eine Form des Fressverhaltens. Er wurde bei Wirbellosen und Wirbeltieren beobachtet. Die Ursachen unterscheiden sich stark. Nahrungsmangel und hohe Populationsdichte können Angriffe auf Artgenossen begünstigen. Große Tiere fressen kleinere derselben Art, wenn diese leicht verfügbare Beute sind. Das kann Konkurrenz vermindern, überträgt aber auch Krankheiten und kostet mögliche Paarungspartner oder Nachwuchs.
Beim sexuellen Kannibalismus frisst ein Tier den Paarungspartner vor, während oder nach der Paarung. Das bekannteste Beispiel ist die Gottesanbeterin. Bei ihr kann das Weibchen das Männchen während oder nach der Paarung fressen. Dieses Verhalten tritt jedoch längst nicht bei jeder Paarung auf. Körpergröße, Nahrungsangebot, Paarungschancen und Fluchtmöglichkeiten beeinflussen das Risiko.
Filialer Kannibalismus bedeutet, dass Eltern eigenen Nachwuchs oder Eier fressen. Bei manchen Fischen kann ein Elternteil so Energie zurückgewinnen, wenn ein Gelege geringe Überlebenschancen hat, und Ressourcen in verbleibenden oder späteren Nachwuchs investieren. Bei anderen Arten fressen Jungtiere Geschwister. Keine einzelne Evolutionserklärung passt auf alle Tiergruppen. Wissenschaftliche Übersichten betonen gerade diese Vielfalt.
Der Fall Armin Meiwes
Der bekannteste deutsche Kriminalfall mit Kannibalismus begann nicht mit Hunger, sondern mit zwei zueinander passenden Fantasien. Armin Meiwes suchte online nach einem Mann, der getötet und gegessen werden wollte. Im Februar 2001 lernte er den Berliner Ingenieur Bernd Jürgen Armando Brandes kennen. Beide besprachen die Tat, trafen sich am 9. März in Wüstefeld und zeichneten wesentliche Teile auf Video auf.
Bernd Jürgen Armando Brandes verlangte eine schwere Genitalverstümmelung und äußerte den Wunsch zu sterben. Er nahm Medikamente und Alkohol, verlor sehr viel Blut und wurde zunehmend handlungsunfähig. Stunden später tötete Armin den geschwächten Mann mit einem Messer, zerlegte den Körper und fror Teile ein. Über Monate bereitete er Portionen zu. Nach der Tat suchte er im Internet weiter. Ein Nutzer meldete seine Aussagen der Polizei, die im Dezember 2002 das Haus durchsuchte.
Die Einvernehmlichkeit machte den Fall juristisch ungewöhnlich, aber nicht straflos. Das Recht schützt das Leben auch vor einer Tötung, der das Opfer zugestimmt hat. Paragraf 216 StGB sieht für eine Tötung auf ausdrückliches und ernstliches Verlangen zwar einen milderen Strafrahmen vor. Dafür muss der Sterbewunsch den Täter jedoch zur Tat bestimmt haben. Armin handelte nach Überzeugung der Gerichte zugleich aus einem eigenen, sexuell besetzten Verlangen.
2004 verurteilte das Landgericht Kassel ihn zunächst wegen Totschlags zu acht Jahren und sechs Monaten. Der Bundesgerichtshof hob das Urteil 2005 auf, weil die Mordmerkmale, insbesondere die Befriedigung des Geschlechtstriebs, nicht ausreichend gewürdigt worden waren. Im neuen Prozess verhängte das Landgericht Frankfurt am Main 2006 lebenslange Haft wegen Mordes in Tateinheit mit Störung der Totenruhe. 2007 wurde das Urteil rechtskräftig.
Was seine Aussagen belegen und was nicht
Armin sprach in Prozessen und Interviews ausführlich über Einsamkeit, Fantasien, Planung und das Gefühl, einen Menschen durch den Verzehr dauerhaft in sich aufzunehmen. Er sagte, er habe essen, aber nicht töten wollen. Diese Trennung überzeugte das Mordgericht nicht. Die Tötung war notwendiger Bestandteil seines eigenen Plans, und nach dem ersten Opfer suchte er weiter.
Im ersten Prozess äußerte Armin, jeder könne über sein Leben und seinen Körper selbst bestimmen. Gerade daran zeigt sich die rechtliche Grenze der behaupteten Einvernehmlichkeit. Eine Person kann in medizinisch und gesetzlich eng geregelten Bereichen über Behandlung und Sterben entscheiden. Sie kann einem anderen aber keine allgemeine Erlaubnis zum Mord erteilen. Hinzu kamen beim konkreten Geschehen Medikamente, Alkohol, massiver Blutverlust und die Frage, wie entscheidungsfähig das Opfer am Ende noch war.
Später erklärte Armin, er bereue die Tat, benötige Therapie und wolle Menschen mit ähnlichen Fantasien vor einer Eskalation warnen. In einem dokumentarischen Interview sagte er: „Heute weiß ich, dass es falsch war.” Solche öffentlichen Aussagen zeigen, wie er die Tat zu verschiedenen Zeitpunkten darstellte. Sie beweisen weder eine dauerhafte innere Veränderung noch deren Gegenteil. Für eine Haftentlassung zählt deshalb nicht ein Fernsehauftritt, sondern eine fachliche Legal- und Sozialprognose. Frühere Anträge scheiterten, ein weiteres Prüfverfahren war Anfang 2026 noch offen.
Warum das Tabu so stark ist
Das westliche Tabu speist sich aus mehreren Quellen. Der menschliche Körper gilt als Person, nicht als Lebensmittel. Totenruhe, Bestattung, Trauer und körperliche Unversehrtheit sind rechtlich und religiös geschützt. Ekel wirkt zusätzlich als Schutz vor verdorbener Nahrung und Krankheit. Kannibalismus verwischt außerdem die Grenze zwischen Mitmensch und Beute. Gerade deshalb eignet sich der Vorwurf seit Jahrhunderten dazu, Gegner als unmenschlich darzustellen.
Das Tabu ist jedoch nicht so einfach wie ein Gegensatz zwischen einem zivilisierten Westen und angeblich kannibalischen Fremden. Europäische Geschichte kennt Überlebenskannibalismus, medizinische Präparate aus menschlichen Körpern und einzelne Verbrechen. Zugleich wurden außereuropäische Bestattungsriten oft ohne ihren sozialen Sinn beschrieben. Ein sachlicher Blick muss beides aushalten: Es gab belegten Kannibalismus in verschiedenen Kontexten, und es gab erfundene oder übertriebene Kannibalenvorwürfe.
Die Titelfrage lässt sich deshalb nur vorsichtig beantworten. Mehrere Menschen beschrieben einen Geschmack, der sie an Schweinefleisch erinnerte. Das ist die bekannteste Anekdote, kein wissenschaftliches Ergebnis. Verlässlich untersuchen lässt sich vor allem, warum Menschen in Ausnahmesituationen, Ritualen oder Verbrechen eine Grenze überschritten und warum Gesellschaften diese Grenze mit einem so starken Tabu schützen.