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Psychologie des Verhörs

Ein Vernehmungsraum der Kantonspolizei Bern
Sandstein, via Wikimedia Commons · CC BY 3.0

Ein Verhör hat zwei mögliche Ziele, die sich in der Praxis erheblich widersprechen können: ein Geständnis zu erhalten, oder verlässliche Informationen zu gewinnen. Die Geschichte der Verhörmethoden lässt sich weitgehend als Geschichte dieses Widerspruchs erzählen, von der auf Konfrontation und psychologischen Druck setzenden amerikanischen Reid-Technik über die als Folter eingestuften Verhöre in Guantanamo bis zu modernen, nicht-konfrontativen Ansätzen, wie sie norwegische Ermittler beim Verhör von Anders Behring Breivik anwendeten.

Die konfrontative Tradition: die Reid-Technik

Die in den USA seit den 1950er Jahren verbreitete Reid-Technik geht davon aus, dass der Vernehmungsbeamte bereits von der Schuld des Verdächtigen überzeugt ist, und zielt gezielt auf ein Geständnis ab, unter anderem durch Konfrontation mit angeblichen Beweisen, das Herunterspielen der Tatschwere und das systematische Abschneiden von Unschuldsbeteuerungen. Studien zeigen, dass diese Methode gerade bei Jugendlichen, psychisch beeinträchtigten oder sozial benachteiligten Verdächtigen eine erhöhte Rate falscher Geständnisse erzeugt, Menschen gestehen unter dem psychologischen Druck der Methode Taten, die sie nicht begangen haben. In Deutschland verstößt die Reid-Technik gegen § 136a der Strafprozessordnung, der Täuschung, Drohung und unzulässigen Druck bei Vernehmungen ausdrücklich verbietet, mehrere europäische Länder haben sie deshalb zugunsten alternativer Methoden aufgegeben.

Wenn Verhöre zu Folter werden: Guantanamo

Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 entwickelten die Psychologen James Mitchell und John Bruce Jessen im Auftrag der CIA sogenannte „Enhanced Interrogation Techniques” für Terrorverdächtige in geheimen Gefängnissen und im Lager Guantanamo Bay, darunter Waterboarding, Schlafentzug über mehrere Tage und erzwungene Stresspositionen. Ein 2014 veröffentlichter Bericht des US-Senatsgeheimdienstausschusses kam zu dem Schluss, dass diese Methoden kein wirksames Mittel zur Informationsgewinnung waren: Die CIA habe bei zwanzig von ihr selbst als Erfolgsbeispiele angeführten Fällen keinen belastbaren Zusammenhang zwischen den gewonnenen Informationen und dem Einsatz der Techniken nachweisen können, zugleich seien viele der Verhörten durch die Methoden dauerhaft psychisch geschädigt worden.

Der Gegenentwurf: investigative Befragung

Als Reaktion auf bekanntgewordene Fehlurteile durch erzwungene Geständnisse entwickelte Großbritannien in den 1980er Jahren das PEACE-Modell, benannt nach den fünf Phasen Planung, Kontaktaufnahme, Bericht, Abschluss und Auswertung. Anders als die Reid-Technik zielt es nicht auf ein Geständnis, sondern auf eine offene, an Fairness und aktivem Zuhören orientierte Informationssammlung, auf Suggestivfragen und psychologischen Druck wird bewusst verzichtet. Der norwegische Polizeikommissar Asbjørn Rachlew entwickelte auf ähnlicher Grundlage das Trainingsprogramm KREATIV für die norwegische Polizei, dessen Kernprinzip lautet, Ermittler sollten sich bei jeder Befragung fragen: Was, wenn die vernommene Person unschuldig ist?

Das Verhör von Anders Behring Breivik

Ein von Asbjørn Rachlew mitberatenes Team, unter anderem der Kriminalbeamte Geir-Egil Løken, befragte Anders Behring Breivik nach dem Anschlag vom 22. Juli 2011 über sieben Monate hinweg in zahlreichen, oft mehrstündigen Sitzungen, ausdrücklich nach dem nicht-konfrontativen Ansatz. Er selbst zeigte sich dabei nicht verschlossen, sondern ausgesprochen mitteilsam: Er hatte sein rund 1.500-seitiges Manifest ausdrücklich als öffentliche Rechtfertigung verfasst und nutzte die Vernehmungen, um seine politischen Motive ausführlich darzulegen. Ein Zwangsgeständnis war in seinem Fall gar nicht nötig, im Gegenteil bestand die eigentliche Herausforderung für die Ermittler darin, aus seinen oft stundenlangen, selbstinszenierten Ausführungen verlässliche, überprüfbare Fakten herauszufiltern.

Warum die nicht-konfrontative Methode heute als überlegen gilt

Vergleichende Studien zeigen, dass informationssammelnde Methoden wie das PEACE-Modell der konfrontativen Reid-Technik sowohl darin überlegen sind, wahre Geständnisse zu erzielen, als auch darin, falsche Geständnisse zu vermeiden. Der zentrale Denkfehler konfrontativer Methoden liegt darin, dass sie von einer bereits feststehenden Schuldannahme ausgehen und Ermittler damit dazu verleiten, vor allem nach Bestätigung statt nach der Wahrheit zu suchen. Guantanamo bleibt dabei das extremste Beispiel dafür, wie weit sich ein reines Geständnis-Ziel von verlässlicher Informationsgewinnung entfernen kann, während das Verhör Anders Behring Breiviks zeigt, dass auch bei den schwersten Verbrechen ein nicht-konfrontativer Ansatz zu einem belastbaren Ergebnis führen kann, ganz ohne Druck oder Täuschung.

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