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Phenol: Chemischer Grundstoff, Gift und Mordmittel in Auschwitz

Zwei gebräuchliche Darstellungen der Phenol-Strukturformel mit Benzolring und Hydroxygruppe
M1ss1ontomars2k4, via Wikimedia Commons, aufbereitet · Public Domain

Ein Stoff, der Kunststoffe, Arzneimittel und Desinfektionsmittel möglich macht, wurde im Konzentrationslager Auschwitz zum Mordwerkzeug. Ab 1941 töteten Angehörige der SS kranke und geschwächte Gefangene mit hoch konzentrierten Phenolinjektionen. Der Gegensatz zeigt, warum ein chemischer Stoff nicht allein durch seine Formel zu verstehen ist. Entscheidend sind Dosis, Aufnahmeweg und der Zweck, für den Menschen ihn einsetzen.

Was ist Phenol?

Phenol ist eine aromatische organische Verbindung mit der Summenformel C6H5OH. Das Molekül besteht aus einem Benzolring, an den eine Hydroxygruppe gebunden ist. Reines Phenol ist ein farbloser bis weißer kristalliner Stoff, der sich bei längerer Lagerung rosa verfärben kann. Der ältere Name Karbolsäure erinnert an seine Gewinnung aus Steinkohlenteer und an seine frühere Bedeutung als Desinfektionsmittel.

Heute dient Phenol vor allem als Ausgangsstoff für Kunstharze, Kunststoffe und weitere chemische Produkte. Auch medizinische Anwendungen existieren weiterhin, allerdings in genau kontrollierter Form und Konzentration. Die Stoffdatenbank PubChem führt unter anderem chemische Synthesen, Desinfektionsmittel und bestimmte Arzneipräparate als Einsatzgebiete auf.

Warum ist Phenol so gefährlich?

Phenol wirkt ätzend und kann zugleich rasch in den Körper gelangen. Eine Vergiftung ist nach Einatmen, Verschlucken, Augenkontakt und über die Haut möglich. Gerade die Aufnahme durch die Haut wird leicht unterschätzt, weil die Substanz das Gewebe zunächst schädigt und später ein Taubheitsgefühl verursachen kann.

Die Medical Management Guidelines der US-Gesundheitsbehörde ATSDR nennen Verätzungen, Übelkeit, Kreislaufstörungen, Herzrhythmusstörungen, Krampfanfälle und Bewusstlosigkeit als mögliche Folgen. Schwere Vergiftungen können das zentrale Nervensystem, Herz, Lunge, Leber und Nieren schädigen. Das US-Arbeitsschutzinstitut NIOSH warnt deshalb ausdrücklich vor lebensgefährlicher systemischer Giftwirkung nach Hautkontakt.

Bei einem vermuteten Kontakt mit konzentriertem Phenol ist umgehend professionelle Hilfe erforderlich. Betroffene sollten den Notruf oder eine Giftnotrufzentrale verständigen und keine eigenen chemischen Neutralisationsversuche unternehmen.

Phenolinjektionen im Konzentrationslager Auschwitz

Im Sommer 1941 begann die SS im Konzentrationslager Auschwitz, schwer kranke Gefangene mit verschiedenen Substanzen zu töten. Nach Versuchen mit mehreren Chemikalien galt eine Injektion hoch konzentrierten Phenols direkt ins Herz als besonders schnelle Methode. Ein Behandlungszimmer in Block 20 des Stammlagers wurde zum regelmäßigen Tatort. Später fanden solche Tötungen auch in Krankenbaracken von Birkenau statt.

Die Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau verweist auf Unterlagen des Lagerwiderstands, nach denen allein innerhalb von vier Monaten Ende 1942 insgesamt 2.467 Gefangene auf diese Weise getötet wurden. Zu den Opfern gehörten kranke Gefangene, polnische Kinder aus der Region Zamość und schwangere jüdische Frauen. Mit dem Ausbau der Gaskammern verlor die Methode an Bedeutung, verschwand aber nicht sofort.

Josef Klehr und die Tötungen im Krankenbau

Der SS-Sanitätsdienstgrad Josef Klehr gehörte zu den Tätern, die Phenol für eigenmächtige Morde nutzten. Er wählte Gefangene im Krankenbau aus und setzte ihnen die tödlichen Spritzen. Das Frankfurter Schwurgericht unterschied später zwischen angeordneten Vernichtungsaktionen und Taten, die er aus eigener Initiative beging.

Die mündliche Urteilsbegründung des ersten Frankfurter Auschwitz-Prozesses rechnete Josef Klehr 475 eigenhändige Morde und Beihilfe zu weiteren Massentötungen zu. Die Zahl beschreibt nur die gerichtlich sicher nachgewiesenen Fälle. Aussagen von Überlebenden und Unterlagen des Lagerwiderstands deuten auf ein größeres Ausmaß der Phenoltötungen im Krankenbau hin.

Ein Stoff trägt keine Absicht

Phenol ist weder ausschließlich Gift noch ausschließlich nützlicher Rohstoff. Derselbe Stoff kann unter kontrollierten Bedingungen industriell oder medizinisch verwendet werden und in hoher Konzentration schwere Verletzungen verursachen. In Auschwitz verwandelte nicht die Chemie allein Phenol in ein Mordmittel. Verantwortlich waren Menschen, die medizinisches Wissen, Lagerhierarchie und nahezu unbegrenzte Gewalt gezielt zum Töten einsetzten.

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