Konzentrationslager: Das Lagersystem des Nationalsozialismus
Als im Juni 1940 die ersten Gefangenen nach Auschwitz deportiert wurden, bestand das nationalsozialistische Konzentrationslagersystem bereits seit mehr als sieben Jahren. Dachau hatte als Modell gedient, die SS hatte Abläufe vereinheitlicht und Gewalt zu einer eigenen Verwaltungsform gemacht. Auschwitz wurde später zum größten Lagerkomplex und zum bekanntesten Symbol des Holocaust, war aber Teil eines viel weiter verzweigten Systems.
Was war ein Konzentrationslager?
Ein nationalsozialistisches Konzentrationslager war keine gewöhnliche Strafanstalt. Menschen konnten dort ohne rechtsstaatliches Verfahren und für unbestimmte Zeit festgehalten werden. Die sogenannte Schutzhaft entzog politische Gegner und andere Verfolgte der Kontrolle ordentlicher Gerichte. Bewachung, Verwaltung und Bestrafung lagen bei der SS.
Die offizielle Abkürzung lautete KL. Daneben setzte sich bereits während der NS-Zeit die Bezeichnung KZ durch. Das United States Holocaust Memorial Museum weist darauf hin, dass die Begriffe nicht wahllos auf jede nationalsozialistische Haft- oder Mordstätte übertragen werden sollten. Ghettos, Kriegsgefangenenlager, Zwangsarbeitslager und reine Vernichtungslager hatten andere Verwaltungsstrukturen und Aufgaben, auch wenn sich Haftbedingungen und Funktionen überschneiden konnten.
Von den frühen Lagern zum zentralisierten SS-System
Unmittelbar nach der Machtübernahme 1933 richteten SA, SS, Polizei und örtliche Parteistellen zahlreiche frühe Lager ein. Sie dienten vor allem dazu, politische Gegner einzuschüchtern, zu misshandeln und auszuschalten. Dachau wurde im März 1933 eröffnet und entwickelte sich zum organisatorischen Vorbild für spätere Lager.
Ab 1934 zentralisierte Heinrich Himmler das System unter Führung der SS. Einheitliche Lagerordnungen, eine feste Rangordnung und besonders ausgebildete Wachverbände machten Terror berechenbar und zugleich allgegenwärtig. Gefangene wurden nach Verfolgungsgründen gekennzeichnet und gegeneinander hierarchisiert. Zu ihnen gehörten politische Gegner, Juden, Sinti und Roma, Homosexuelle, Zeugen Jehovas, sowjetische Kriegsgefangene und Menschen, die das Regime als “asozial” oder “Berufsverbrecher” stigmatisierte.
Zwangsarbeit und planmäßige Vernichtung
Mit dem Zweiten Weltkrieg wuchs das Lagersystem weit über das Deutsche Reich hinaus. Neue Hauptlager und zahlreiche Außenlager entstanden in besetzten Gebieten und in der Nähe von Fabriken, Steinbrüchen und Rüstungsbetrieben. Unternehmen konnten Gefangene gegen Zahlungen an die SS einsetzen. Hunger, Krankheiten, Misshandlungen und körperlich zerstörerische Arbeit gehörten nicht zu zufälligen Missständen, sondern prägten den Lageralltag.
Die Funktionen der Lager radikalisierten sich weiter. Gefangene wurden durch Arbeit, Unterversorgung, medizinische Versuche, Erschießungen, Giftinjektionen und andere Formen gezielter Gewalt getötet. Die Bundeszentrale für politische Bildung beschreibt die Lager deshalb als zentrales Herrschaftsinstrument des Regimes, dessen Aufgaben sich zwischen 1933 und 1945 mehrfach veränderten.
Konzentrationslager und Vernichtungslager
Konzentrationslager und Vernichtungslager sind keine deckungsgleichen Begriffe. Die SS nutzte Konzentrationslager zur Haft, Ausbeutung und Terrorisierung. Vernichtungslager wie Bełżec, Sobibór und Treblinka dienten dagegen vor allem dem unmittelbaren Massenmord an deportierten Juden. Viele Menschen wurden dort nach ihrer Ankunft getötet, ohne als Gefangene registriert zu werden.
Auschwitz vereinte beide Funktionen. Im Stammlager Auschwitz I und in zahlreichen Außenlagern hielt die SS Gefangene fest und beutete ihre Arbeitskraft aus. Auschwitz II-Birkenau war zugleich Konzentrationslager und das größte Zentrum zur Ermordung der europäischen Juden. Diese Verbindung macht den Lagerkomplex zu einem Sonderfall innerhalb des Systems.
Auschwitz als Lagerkomplex
Das deutsche Konzentrationslager Auschwitz entstand 1940 im besetzten Polen. Es wuchs aus dem Stammlager Auschwitz I, Auschwitz II-Birkenau, Auschwitz III-Monowitz und mehr als 40 Außenlagern zusammen. Auf dem Höhepunkt im Sommer 1944 befanden sich nach Angaben der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau etwa 135.000 Gefangene im gesamten Komplex.
Mehr als 1,1 Millionen Menschen wurden in Auschwitz ermordet. Die große Mehrheit waren Juden. Zu den Opfern gehörten außerdem Polen, Sinti und Roma, sowjetische Kriegsgefangene und Menschen vieler weiterer Nationalitäten. In Birkenau befanden sich die größten Gaskammern und Krematorien. Im Stammlager töteten SS-Angehörige kranke Gefangene unter anderem durch Phenolinjektionen.
Die Profile von Josef Klehr, Wilhelm Boger, Stefan Baretzki, Oswald Kaduk und Franz Hofmann zeigen unterschiedliche Positionen innerhalb dieser Gewaltorganisation. Sanitätsdienst, Lager-Gestapo, Blockführung und Schutzhaftlagerführung waren verschiedene Aufgabenbereiche, wirkten aber im selben System zusammen.
Räumung, Befreiung und Erinnerung
Als die alliierten Armeen 1944 und 1945 näher rückten, räumte die SS viele Lager. Gefangene mussten auf Todesmärschen in andere Lager ziehen. Wer nicht mithalten konnte, wurde häufig erschossen. Gleichzeitig beseitigte die SS Dokumente und zerstörte Teile der Lageranlagen, um Beweise für die Verbrechen zu vernichten.
Die Befreiung beendete das Leiden nicht für alle Überlebenden. Viele starben an den Folgen von Hunger, Krankheiten und Misshandlungen. Gedenkstätten, Archive und Aussagen von Überlebenden bewahren heute die Geschichte der Lager. Sie machen zugleich deutlich, dass hinter Verwaltungsbegriffen, Häftlingsnummern und Opferstatistiken einzelne Menschen und zerstörte Lebensgeschichten stehen.
Medienempfehlungen
Werbung · Affiliate-LinksWeiterführende Links
- Bundeszentrale für politische Bildung: Das System der nationalsozialistischen KonzentrationslagerÜberblick über Entstehung, Ausbau und Funktion des nationalsozialistischen Lagersystems.
- United States Holocaust Memorial Museum: The Nazi Camp SystemErläutert die historische Terminologie und grenzt Konzentrationslager von anderen Lagertypen und Vernichtungsstätten ab.
- Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau: Grundinformationen über AuschwitzFakten zur Entwicklung des Lagerkomplexes Auschwitz und zu seiner Doppelfunktion als Konzentrations- und Vernichtungslager.