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Forensische Psychologie

Forensische Psychologie

Am 20. Januar 1843 erschoss der schottische Drechsler Daniel M’Naghten in London den Sekretär des britischen Premierministers, den er mit dessen Auftraggeber verwechselte, weil er sich von den Tories verfolgt wahnte. Der darauffolgende Prozess begründete mit der sogenannten M’Naghten-Regel den bis heute in weiten Teilen der englischsprachigen Welt gültigen rechtlichen Maßstab für Schuldunfähigkeit aufgrund psychischer Erkrankung, und damit zugleich einen der Gründungsmomente der forensischen Psychologie als eigenständigem Fachgebiet an der Schnittstelle von Psychologie und Recht.

Der M’Naghten-Fall und seine Regel

Das Gericht sprach M’Naghten nicht schuldig, da er zur Tatzeit aufgrund einer geistigen Erkrankung nicht in der Lage gewesen sei, Art und Beschaffenheit seiner Tat zu erkennen oder zu wissen, dass sie Unrecht war. Der Freispruch löste einen öffentlichen Sturm der Entrüstung aus, bis hin zu einem Protestbrief Königin Victorias, führte aber dazu, dass diese Formel als M’Naghten-Regel zum bis heute in etwa der Hälfte der US-Bundesstaaten gültigen Standardtest für Schuldunfähigkeit wurde. Das deutsche Recht verfolgt mit den in einem anderen Artikel behandelten §§ 20 und 21 StGB einen inhaltlich verwandten, wenngleich anders formulierten Ansatz.

Aufgaben der forensischen Psychologie heute

Die Beurteilung der Schuldfähigkeit ist bis heute eine der zentralen Aufgaben forensischer Gutachter, längst aber nicht die einzige. Hinzu kommen die Einschätzung der Glaubwürdigkeit von Zeugenaussagen, die Prognose des Rückfallrisikos vor Entlassungsentscheidungen sowie die therapeutische Arbeit mit Straftätern und die Unterstützung von Kriminalitätsopfern bei der Verarbeitung traumatischer Erlebnisse.

Methoden

Forensische Gutachter kombinieren klinische Interviews mit standardisierten psychometrischen Testverfahren und, wo relevant, strukturierten Instrumenten zur Risikoeinschätzung künftiger Gewalt. Anders als beim Kriminalprofiling, das primär bei unbekannten Tätern nach Tatortspuren auf mögliche Täterprofile schließt, geht es hier meist um eine bereits bekannte, konkrete Person, deren psychische Verfassung im Detail beurteilt werden soll.

Ethische Herausforderungen

Diese Nähe zu höchst sensiblen persönlichen Informationen bringt erhebliche ethische Verpflichtungen mit sich: Gutachten müssen wissenschaftlich fundiert, frei von Voreingenommenheit und unter strikter Wahrung der Vertraulichkeit erstellt werden, da sie unmittelbar über Freiheit, Unterbringung oder Entlassung eines Menschen mitentscheiden.

Fazit

Von M’Naghtens Fall 1843 bis zu heutigen computergestützten Risikoprognose-Instrumenten hat sich die forensische Psychologie zu einem festen Bestandteil moderner Rechtssysteme entwickelt. Ihr Grundproblem ist jedoch dasselbe geblieben wie im 19. Jahrhundert: die verlässliche Unterscheidung zwischen krankheitsbedingter Schuldunfähigkeit und bewusster, verantwortlicher Tat.

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