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Dippoldist und Dippoldismus: Wie ein Tätername zum Schlagwort wurde

Blick über Bayreuth, wo im Oktober 1903 der Prozess gegen Andreas Dippold stattfand
Jotbepe, via Wikimedia Commons, verkleinert · CC BY-SA 3.0

Die Wörter Dippoldist und Dippoldismus gehören zu einer heute fast vergessenen Gruppe von Täterbezeichnungen: Ein aufsehenerregender Name wurde zuerst zum öffentlichen Schimpfwort und anschließend zum wissenschaftlich klingenden Fachausdruck. Ausgangspunkt war der Fall Andreas Dippold. Der Hauslehrer hatte die Brüder Heinz und Joachim Koch über Monate misshandelt. Heinz Koch starb im März 1903 an den Folgen der Gewalt.

Der Begriff bezeichnete jedoch nicht zu jeder Zeit dasselbe. Unmittelbar nach dem Prozess konnte Dippoldismus ganz allgemein brutale Machtausübung und Misshandlung durch einen Vorgesetzten oder Erzieher meinen. Sexualwissenschaftler, Psychiater und Kriminologen verengten das Wort später auf einen angeblich sexuell motivierten Erziehersadismus. Diese fachsprachliche Bedeutung darf nicht rückwirkend als gesicherte Diagnose von Andreas Dippold verstanden werden.

Der Bayreuther Prozess als Ausgangspunkt

Das Schwurgericht in Bayreuth verhandelte den Fall im Oktober 1903. Andreas Dippold verteidigte die Schläge als Erziehungsmittel und behauptete, er habe die Jungen von der Selbstbefriedigung abbringen wollen. Das Gericht verurteilte ihn wegen Körperverletzung mit Todesfolge und wegen weiterer Misshandlungen zu acht Jahren Zuchthaus. Eine sexuelle Motivation war weder Bestandteil des Schuldspruchs noch durch das knappe psychiatrische Gutachten bewiesen.

Die öffentliche Deutung ging rasch über das Urteil hinaus. Zeitungen schilderten den Angeklagten als Bestie, Sadisten oder geborenen Verbrecher. Damit traf der Fall mehrere Debatten des Kaiserreichs zugleich: die verbreitete Prügelstrafe, die nahezu unbegrenzte Autorität von Eltern und Erziehern, die zeitgenössische Angst vor jugendlicher Selbstbefriedigung und das Interesse der jungen Sexualwissenschaft an vermeintlichen Perversionen.

Die Empörung galt deshalb nicht nur einer einzelnen Gewalttat. Der Prozess bot ein Wort für die Befürchtung, dass sich hinter anerkannter Erziehungsgewalt persönliche Grausamkeit verbergen könne. Aus dem Eigennamen Andreas Dippold entstand ein übertragbarer Typus.

Die frühesten belegten Wortformen

Eine absolut erste Verwendung lässt sich bei digitalisierten Zeitungen mit lückenhafter Überlieferung und fehleranfälliger Texterkennung kaum beweisen. Sicher ist aber, dass Dippoldismus schon wenige Wochen nach dem Urteil außerhalb medizinischer Fachtexte zirkulierte.

Der Wiesbadener General-Anzeiger berichtete am 28. November 1903 über eine Debatte in der bayerischen Kammer zu Soldatenmisshandlungen. Im gedruckten Bericht wird einem sozialdemokratischen Abgeordneten die Formulierung zugeschrieben, im bayerischen Heer mache sich ein Dippoldismus breit. Der Kammerpräsident rügte den Ausdruck. Hier bezeichnete das Wort kein eng umrissenes sexuelles Motiv, sondern institutionell geduldete Gewalt gegen Untergebene.

Für den 3. Dezember 1903 weist das von der Österreichischen Nationalbibliothek erschlossene Inhaltsverzeichnis der Wiener Arbeiterinnen-Zeitung einen Beitrag des Schauspielers Emanuel Reicher mit dem Titel Dippoldismus nach. Der vollständige Jahrgang ist online nicht frei als Scan verfügbar, weshalb sich der Inhalt des Artikels nicht ohne Weiteres überprüfen lässt. Als datierter Titel belegt der Nachweis dennoch die Schreibweise Dippoldismus im Dezember 1903.

Eine neuere begriffsgeschichtliche Untersuchung nennt außerdem Dippolderei als zeitgenössische Bildung von 1903. Daneben setzten sich die Personenbezeichnungen Dippoldist und Dippoldisten durch. Die Wortfamilie bestand somit früh aus mehreren Formen:

Vom öffentlichen Schlagwort zum sexualwissenschaftlichen Typus

Der Arzt Iwan Bloch behandelte das Thema 1907 in seinem weit verbreiteten Werk Das Sexualleben unserer Zeit. Im Inhaltsverzeichnis erscheint Erzieher-Flagellantismus mit Dippoldismus gleichgesetzt. Im Text erklärte Iwan Bloch, körperliche Züchtigung könne bei einem Erzieher allmählich einen sexuellen Reiz entwickeln. Bei regelmäßiger Misshandlung und Folter nahm er eine krankhafte sadistische Veranlagung an und stellte den Fall Andreas Dippold als erschreckendes Beispiel daneben.

Diese Darstellung war folgenreich. Der Tätername wurde nicht mehr nur als moralische Anklage verwendet, sondern als Etikett für eine vermeintlich wiederkehrende sexualpathologische Gruppe. Der Staatsanwalt und Kriminalschriftsteller Erich Wulffen machte den Fall 1908 und 1910 zum Schulbeispiel. Spätere Lehrbücher übernahmen die Erzählung, häufig ohne neue Aktenkenntnis. Einzelheiten wurden dabei vereinfacht oder verändert, bis Andreas Dippold genau dem Typus entsprach, der nach ihm benannt worden war.

Magnus Hirschfeld verwendete in seiner Geschlechtskunde Ende der 1920er Jahre die Mehrzahl Dippoldisten für Erzieher, die anderen Schmerzen zufügten, um selbst Lust zu empfinden. Eine 1937 neu bearbeitete Ausgabe der Psychopathia sexualis nahm den Fall ebenfalls als besonders beweiskräftig auf. Das geschah bemerkenswert spät: Richard von Krafft-Ebing war bereits 1902 gestorben und konnte den Prozess nicht gekannt haben. Frühere, nach seinem Tod erschienene Bearbeitungen des Buches hatten Andreas Dippold zunächst gerade nicht aufgenommen.

Widerspruch aus der Sexualwissenschaft

Die sexualpathologische Einordnung war schon damals nicht unumstritten. Der Berliner Arzt Albert Moll wandte ein, dass weder die Gerichtsverhandlung noch anderes bekanntes Material ein sexuelles Motiv für die Misshandlungen festgestellt habe. Ohne einen solchen Nachweis sei die Bezeichnung Sadismus nicht gerechtfertigt. Für eine belastbare Beurteilung hätte das Seelenleben des Täters genauer untersucht werden müssen.

Dieser Einwand ist für die heutige Einordnung entscheidend. Belegt sind die schweren, systematischen Misshandlungen, der Tod von Heinz Koch und die Verurteilung. Belegt ist ebenfalls, dass Zeitgenossen das Verhalten sexualisierten und daraus den Dippoldismus formten. Nicht belegt ist, dass Andreas Dippold aus sexueller Erregung handelte. Eine historische Zuschreibung wird nicht dadurch zur modernen Diagnose, dass sie über Jahrzehnte in Nachschlagewerken wiederholt wurde.

Der Wissenschaftshistoriker Michael Hagner beschreibt den Vorgang deshalb als Kreislauf: Presseberichte lieferten den Wissenschaften ein scheinbar anschauliches Beispiel. Fachautoren verliehen der Deutung Autorität. Spätere Autoren schrieben voneinander ab und behandelten die inzwischen verfestigte Erzählung wie einen gesicherten Befund. So wurde aus einer Person erst ein Fall, dann ein Typus und schließlich eine rückwirkende Erklärung der Person.

Pädagogische und öffentliche Debatte

Der Ausdruck wirkte, weil er eine unangenehme Nähe sichtbar machte. Körperliche Züchtigung war um 1900 weithin akzeptiert. Der Prozess gegen Andreas Dippold stellte jedoch die Frage, wo vermeintliche Disziplin endete und Misshandlung begann. Zugleich lenkte die Konzentration auf einen abnormen Einzeltäter von den Strukturen ab, die seine Gewalt ermöglicht hatten: weitreichende Erziehermacht, mangelnde Kontrolle, das Vertrauen der Eltern in Härte und die Vorstellung, Selbstbefriedigung müsse mit allen Mitteln bekämpft werden.

In Presse und Politik wurde Dippoldismus daher zeitweise weiter gefasst als in medizinischen Büchern. Das Wort konnte auch militärische Schikanen oder andere Formen brutaler Autoritätsausübung brandmarken. In Literatur und populärer Sexualkunde blieb dagegen vor allem das Bild des sexuell erregten Prüglers bestehen. Gerade diese unterschiedlichen Verwendungen zeigen, dass es nie eine einheitliche, sauber abgegrenzte Bedeutung gab.

Spätere Rezeption

Nach dem Ersten Weltkrieg verlor der konkrete Prozess allmählich seine Bekanntheit. Der Ausdruck überdauerte noch in sexualwissenschaftlichen und psychiatrischen Lexika, oft als historische Bezeichnung für Erziehersadismus oder sexuelle Erregung durch das Schlagen von Kindern. Einzelne fremdsprachige Wörterbücher übernahmen auch Formen wie dippoldism oder dippoldisme.

Heute ist Dippoldismus kein gebräuchlicher moderner Diagnosebegriff. Sein Wert liegt vor allem als Gegenstand der Wissenschafts-, Medien- und Pädagogikgeschichte. Die Begriffsgeschichte zeigt, wie ein spektakulärer Strafprozess eine Kategorie hervorbringen konnte, deren scheinbare Genauigkeit größer war als ihre Beweisgrundlage. Sie erinnert zugleich daran, Misshandlung klar zu benennen, ohne historische Täterbilder ungeprüft in die Sprache heutiger Psychiatrie zu übertragen.

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