William Burke
- Aktive Jahre
- 1827–1828
Der erste Tote, den William Burke und sein Komplize William Hare an die Anatomie verkauften, war keines ihrer Opfer. Erst als das Geschäft mit einer natürlich verstorbenen Leiche bezahlt worden war, begannen die beiden, selbst für Nachschub zu sorgen. Die National Library of Scotland dokumentiert diese Entwicklung anhand zeitgenössischer Drucke. Die Prozessakten der National Records of Scotland führen drei angeklagte Tötungen auf. Die bekannte Gesamtzahl von 16 beruht dagegen auf Geständnis und historischer Rekonstruktion.
Werdegang
Geboren wurde er 1792 im irischen Urney, County Tyrone, als Sohn bürgerlicher Eltern. Nach einem Streit um Land verließ er 1818 Frau und Kinder, diente zeitweise in einer Miliz und arbeitete anschließend als Kanalarbeiter in Schottland. In der Ortschaft Maddiston bei Falkirk ging er eine Beziehung mit Helen McDougal ein. Im November 1827 zog das Paar in die Tanner’s Close in Edinburgh, wo er als Hausierer und Schuhmacher etwa ein Pfund die Woche verdiente. Nachbarn beschrieben ihn als fleißig und gut gelaunt, trotz katholischer Erziehung besuchte er regelmäßig presbyterianische Versammlungen.
Bei der Ernte in Penicuik im Jahr 1827 lernte er William Hare kennen, der eine Unterkunft in der Tanner’s Close betrieb. Beide Paare wurden bald für ausgiebiges Trinken und lautes Auftreten bekannt.
Der Beginn: ein toter Mieter
Als im November 1827 ein Untermieter des Gastwirts an Wassersucht starb und noch Miete schuldete, öffneten die beiden Männer heimlich den Sarg, ersetzten die Leiche durch Rinde und verkauften den Toten für sieben Pfund und zehn Schilling an den Edinburgher Anatomieprofessor Robert Knox. Aus diesem einmaligen Geschäft wurde binnen weniger Wochen ein System.
Die Taten
Zwischen Februar und Oktober 1828 töteten William und sein Komplize mindestens fünfzehn weitere Menschen, fast ausnahmslos Obdachlose, Kranke oder stark Betrunkene, die in der Unterkunft des Gastwirts Unterschlupf suchten und niemandem fehlen würden. Zu den bekannteren Opfern zählten die Prostituierte Mary Paterson, die schlafend erstickt wurde, sowie der geistig beeinträchtigte, erst achtzehnjährige James Wilson, im Volksmund „Daft Jamie” genannt, der sich als einziges Opfer heftig zur Wehr setzte, bevor er überwältigt wurde. Für jede Leiche zahlte der Anatomieprofessor zwischen acht und zehn Pfund, je nach Zustand und Jahreszeit. Das letzte Opfer, die Irin Margaret Docherty, wurde am 31. Oktober 1828 getötet.
„Burking”: die Methode
Die Vorgehensweise war so unauffällig, dass sie bis zur Entdeckung kaum Verdacht erregte: Erst machte man die Opfer mit Whisky betrunken, dann hielt einer der beiden Männer Mund und Nase zu, während der andere sich quer über den Brustkorb legte, um Gegenwehr und Atmung gleichzeitig zu unterbinden. Ohne äußere Verletzungen und ohne Erstickungsspuren im klassischen Sinn war die Methode für die medizinischen Möglichkeiten der Zeit praktisch nicht nachweisbar. Der Begriff „Burking” ging als eigenes Wort für diese Art des Erstickungsmordes in die englische Sprache ein.
Entdeckung und Verhaftung
Am 1. November 1828 fanden zwei Untermieter Margaret Dochertys blutverschmierte Leiche unter einer Strohschütte, versteckt im Haus eines Verwandten. Sie lehnten ein Schweigegeld von zehn Pfund ab und alarmierten die Polizei. Ein Bestechungsversuch der Lebensgefährtin scheiterte damit.
Am 1. Dezember 1828 bot die Staatsanwaltschaft dem Gastwirt Straffreiheit im Austausch für ein umfassendes Geständnis an, das sämtliche sechzehn Todesfälle detailliert offenlegte. Auch seine Ehefrau blieb wegen des damaligen Ehegattenprivilegs von einer Aussage gegen sie verschont.
Prozess und Hinrichtung
Der Prozess begann am Heiligabend 1828 vor dem High Court of Justiciary in Edinburgh, abgesichert durch 300 Polizisten und Militär gegen mögliche Ausschreitungen. Die Verhandlung lief ohne Unterbrechung durch die Nacht. Die Geschworenen benötigten nach der Verhandlung über den Mord an Margaret Docherty nur fünfzig Minuten für ihr Urteil: schuldig für William, „nicht erwiesen” dagegen für seine Lebensgefährtin, die daraufhin freikam, aber vor einem aufgebrachten Mob aus der Stadt fliehen musste.
Richter David Boyle verkündete das Todesurteil mit den Worten, der Leichnam solle öffentlich seziert werden, „damit die Nachwelt sich an diese abscheulichen Verbrechen erinnert”. Am 28. Januar 1829 wurde William vor geschätzt 25.000 Zuschauern gehängt, Fensterplätze mit Blick auf das Schafott wurden für bis zu 20 Schilling vermietet.
Öffentliche Sektion und Nachwirkungen
Bereits am 1. Februar 1829 sezierte ein Anatomieprofessor der Universität den Leichnam öffentlich vor Studenten, der Andrang war so groß, dass die Polizei Besucher nur noch in Fünfzigergruppen einließ. Sein Skelett steht bis heute im anatomischen Museum der Universität Edinburgh, seine Totenmaske und ein angeblich aus seiner gegerbten Haut gebundenes Notizbuch sind im Surgeons’ Hall Museum ausgestellt.
Der Anatomieprofessor Robert Knox selbst wurde von einer Untersuchungskommission zwar formal entlastet, weil sich keine Kenntnis von den Morden nachweisen ließ, verlor aber durch die öffentliche Empörung, Karikaturen und eine vor seinem Haus verbrannte Puppe seine gesellschaftliche Stellung und trat schließlich von seinen Universitätsämtern zurück. Der Gastwirt kam im Februar 1829 frei und wurde in Verkleidung außer Landes gebracht, sein weiteres Schicksal blieb unbekannt.
Die Morde machten der Öffentlichkeit drastisch bewusst, wie gering das legale Angebot an Leichen für die medizinische Ausbildung war. Nach ähnlichen Fällen in London verabschiedete das britische Parlament 1832 den Anatomy Act, der unter anderem die Freigabe unbeanspruchter Leichen aus Arbeitshäusern für die Forschung regelte und damit dem organisierten Leichenhandel die wirtschaftliche Grundlage entzog.