Thomas Dudley
- Aktive Jahre
- 1884
- Modus Operandi
- ErstechenKannibalismus
Sechzehn Jahre nachdem er einen hungernden Schiffsjungen mit dem Taschenmesser getötet hatte, um dessen Fleisch zu essen, starb Thomas Dudley an einer Krankheit, die er sich beim Entfernen toter Ratten aus seiner Toilette zuzog. Zwischen beiden Ereignissen liegt einer der berühmtesten Fälle der britischen Rechtsgeschichte: der Prozess um die Yacht Mignonette, der bis heute festlegt, dass nackte Not niemals einen Mord rechtfertigt.
Werdegang
Thomas Dudley wurde 1853 geboren und arbeitete sich zum erfahrenen Segelschiffskapitän hoch. Im Mai 1884 heuerte er als Kapitän der Mignonette an, einer knapp 16 Meter langen Yacht, die von Southampton nach Sydney überführt werden sollte. An Bord waren der Erste Maat Edwin Stephens, der Matrose Edmund Brooks und der 17-jährige Schiffsjunge Richard Parker, der zum ersten Mal auf große Fahrt ging.
Schiffbruch und Hungersnot
Am 5. Juli 1884 sank die Mignonette rund 2.600 Kilometer südwestlich der Kapverdischen Inseln in schwerer See. Die vierköpfige Besatzung rettete sich in ein knapp vier Meter langes Rettungsboot, mit kaum mehr als zwei Dosen Rüben als Proviant. Nach einigen Tagen fingen sie eine Schildkröte, danach blieb nur noch Regenwasser. Richard Parker, geschwächt und entgegen dem Rat der anderen von Meerwasser trinkend, erkrankte schwer und fiel zunehmend ins Delirium.
Nach fast drei Wochen auf See, ohne Aussicht auf Rettung, beschlossen Thomas Dudley und Edwin Stephens, den sterbenden Jungen zu töten, um mit seinem Fleisch zu überleben. Er sprach ein Gebet, während Edwin Stephens die Beine des Jungen festhielt, dann stach der Kapitän ihm das Taschenmesser in die Drosselvene. Alle drei Überlebenden ernährten sich in den folgenden Tagen von der Leiche. Vier Tage später, am 29. Juli, wurde das Boot vom deutschen Frachter Moctezuma gesichtet, die Rettung erfolgte am 6. September 1884 in Falmouth, Cornwall.
Prozess
Statt die übliche stillschweigende Duldung solcher Fälle fortzusetzen, wie sie in der Seefahrt vorher üblich gewesen war, brachte die britische Justiz den Fall vor Gericht. Im November 1884 begann der Prozess vor Richter Baron Huddleston in Exeter, im Dezember 1884 bestätigte das Queen’s Bench Division in London die Schuld beider Männer. Das Gericht stellte klar, dass Notstand keine Rechtfertigung für Mord sein könne, ganz gleich wie aussichtslos die Lage gewesen sei. Thomas Dudley und Edwin Stephens wurden zum Tode verurteilt, allerdings mit einer ausdrücklichen Empfehlung zur Begnadigung. Die Strafe wurde daraufhin auf sechs Monate Gefängnis reduziert, im Mai 1885 kamen beide frei. Edmund Brooks, der beim Kannibalismus mitgegessen, aber nicht an der Tötung beteiligt gewesen war, blieb straffrei und trat sogar als Kronzeuge auf.
Der Fall, bekannt als R v Dudley and Stephens, gilt bis heute als eines der wichtigsten Präzedenzurteile des englischen Common Law. Er widerlegte frühere Fälle, in denen Seeleute unter ähnlichen Umständen straflos geblieben waren, und etablierte den Grundsatz, dass selbst die Angst vor dem eigenen Tod niemals das Recht gibt, einem anderen Menschen das Leben zu nehmen.
Nachwirkungen
Thomas Dudley wanderte nach seiner Entlassung nach Australien aus und ließ sich in Sydney nieder, wo er unter dem Namen T. R. Dudley and Co. einen erfolgreichen Handel mit Segeln und Bootszubehör aufbaute. Am 22. Februar 1900 starb er in seinem Haus im Stadtteil Birchgrove, offiziell als erstes bekanntes Todesopfer der Beulenpest-Epidemie, die Sydney in jenem Jahr heimsuchte. Vermutlich hatte er sich angesteckt, als er kurz zuvor fünf tote Ratten aus dem Abfluss seiner Wohnung entfernt hatte. Edwin Stephens starb 1914, ebenfalls in Australien.