Simon Fraser
- Aktive Jahre
- 1878
- Modus Operandi
- Stumpfe Gewalt
Ein weißes Ungeheuer bricht durch den Boden, stürzt sich auf die Familie. Der Mann packt es, wirft es mit aller Kraft zu Boden, um es unschädlich zu machen. Dann wacht er auf und hält seinen toten Sohn in den Armen. Was wie ein Albtraum klingt, war für Simon Fraser in der Nacht zum 10. April 1878 grausame Wirklichkeit, und sein Fall wurde zu einem der berühmtesten Präzedenzfälle der britischen Rechtsgeschichte zur Frage, wie weit Verantwortung reicht, wenn der Verstand im Schlaf ausgeschaltet ist.
Werdegang
Simon Fraser wurde um 1851 geboren und lebte als verheirateter Arbeiter in der Lime Street im Glasgower Stadtteil Anderston. Schon lange vor der Tatnacht war bekannt, dass er unter schwerem Schlafwandeln und Nachtschreck litt. Wiederholt hatte er im Schlaf um sich geschlagen: Seine eigene Schwester berichtete später vor Gericht, er habe sie einmal beinahe erwürgt, sein Vater erinnerte sich an eine Nacht, in der er ihn schon als junger Mann im Schlaf angriff. Immer wieder träumte er denselben Albtraum: ein weißes, wildes Ungeheuer, das nachts ins Haus eindrang, um seine Familie anzugreifen.
Die Tat
In der Nacht des 10. April 1878, gegen ein Uhr morgens, träumte er erneut diesen Traum. Diesmal packte er das vermeintliche Ungeheuer und schmetterte es mit voller Wucht gegen den Boden. Als er daraufhin erwachte, lag sein 18 Monate alter Sohn tot vor ihm, der Schädel des Kindes von dem Schlag zertrümmert. Er bestritt die Tat selbst nicht, er hatte sie schließlich mit eigenen Augen gesehen, gab aber an, überzeugt gewesen zu sein, ein wildes Tier zu bekämpfen, das seine Familie bedrohte.
Prozess und Urteil
Der Fall kam vor den High Court in Edinburgh. Zeugen, darunter seine eigenen Angehörigen, bestätigten seine lange Geschichte gewalttätiger Schlafwandel-Episoden. Der Richter erklärte, es bestehe nicht der geringste Zweifel, dass der Angeklagte sich der eigenen Handlung in diesem Moment vollkommen unbewusst gewesen sei. Die Geschworenen kamen einstimmig zu dem Schluss, dass er für die Tötung seines Sohnes strafrechtlich nicht verantwortlich gemacht werden könne. Simon Fraser wurde freigesprochen, musste sich aber verpflichten, künftig nachts allein zu schlafen: Tagsüber blieb er ein freier Mann, nachts wurde er in einem von außen verschlossenen Zimmer untergebracht, den Schlüssel dazu bewahrte seine Frau auf.
Nachwirkungen
Der Fall Simon Fraser gilt bis heute als eines der bekanntesten Beispiele für die sogenannte Automatismus-Verteidigung im schottischen und britischen Strafrecht: die Frage, ob und wann eine Tat, die ohne bewusste Kontrolle des Täters geschieht, überhaupt strafrechtlich zurechenbar ist. In Lehrbüchern zur Kriminalpsychologie und im Jurastudium wird der Fall noch immer herangezogen, wenn es um die Grenzen strafrechtlicher Schuldfähigkeit bei Schlafwandlern geht. Über sein weiteres Leben nach dem Urteil ist kaum etwas überliefert.