Shabbar Abbas
- Aktive Jahre
- 2021
Shabbar Abbas ist der Vater und nach Überzeugung der italienischen Justiz der Haupttäter des Ehrenmords an seiner 18-jährigen Tochter Saman Abbas, die sich 2021 einer arrangierten Ehe mit einem Cousin in Pakistan widersetzte und daraufhin in der norditalienischen Gemeinde Novellara getötet wurde. Gemeinsam mit seiner Ehefrau, einem Onkel und zwei Cousins wurde er über drei Instanzen hinweg zu lebenslanger Haft verurteilt, zuletzt am 16. Juli 2026 endgültig vom obersten Gericht.
Herkunft und Familie
Die Familie stammte aus Pakistan und lebte seit Jahren im norditalienischen Novellara in der Provinz Reggio Emilia, wo Shabbar Abbas als Arbeiter beschäftigt war. Seine Tochter Saman kam als Teenager nach Italien nach und übernahm dort rasch westliche Gewohnheiten: Sie trug bald kein Kopftuch mehr und postete in sozialen Netzwerken Fotos mit einem selbst gewählten Freund, darunter ein Kuss-Foto aus Bologna. Ihre Eltern wollten sie stattdessen mit einem älteren Cousin in Pakistan verheiraten. Bereits 2020 widersetzte sich Saman diesem Plan, wandte sich als Minderjährige an das Jugendamt und wurde im November desselben Jahres in einer Schutzeinrichtung untergebracht. Sie erstattete sogar Anzeige gegen ihre Eltern, kehrte aber am 11. April 2021 wieder zu ihnen zurück, wenige Wochen vor ihrem Tod.
Die Tat
In der Nacht vom 30. April auf den 1. Mai 2021 wurde Saman in Novellara getötet. Nach Überzeugung der Ermittler handelten ihre Eltern gemeinschaftlich mit dem Onkel Danish Hasnain und den Cousins Noman Ul Haq und Ijaz Ikram, die eigens aus Frankreich angereist waren. Eine Obduktion der später gefundenen Leiche ergab den Bruch eines Halsknochens, was auf Erwürgen als Todesursache hindeutet.
Flucht, Festnahme und die Suche nach der Leiche
Shabbar Abbas und seine Ehefrau Nazia Shaheen setzten sich bereits am Tag nach der Tat über den Flughafen Mailand-Malpensa nach Pakistan ab, ihre Flucht wurde von Überwachungskameras dokumentiert. Der Onkel versuchte wenige Tage später, mit Samans minderjährigem Bruder ebenfalls über die Grenze nach Frankreich zu fliehen, wurde jedoch im Grenzort Ventimiglia von der Polizei gestoppt. Er selbst wurde im September 2021 bei Paris festgenommen und nach Italien ausgeliefert. Erst im November 2022, mehr als anderthalb Jahre nach der Tat, führte er die Ermittler zu einem verlassenen Bauernhof in der Nähe von Samans früherem Wohnort, wo ihre Leiche zwei Meter unter der Erde in einer schwarzen Plane vergraben lag. Shabbar Abbas selbst wurde erst 2023 in Pakistan gefasst und im August desselben Jahres nach Italien ausgeliefert, seine Ehefrau erst 2024 nach drei Jahren auf der Flucht.
Prozess und Urteile
Im Dezember 2023 verurteilte ein Gericht in Reggio Emilia beide Elternteile zu lebenslanger Haft und den Onkel zu 14 Jahren Gefängnis, die beiden Cousins wurden zunächst freigesprochen. Im April 2025 verschärfte das Berufungsgericht in Bologna dieses Urteil erheblich: Auch die Cousins erhielten nun lebenslange Haft, die Strafe des Onkels wurde auf 22 Jahre erhöht. Am 16. Juli 2026 wies Italiens oberstes Gericht sämtliche Berufungen der Familie zurück. Die Urteile sind damit rechtskräftig.
Nachwirkungen
Shabbar Abbas sitzt weiterhin in italienischer Haft. Der Fall löste in Italien eine breite gesellschaftliche Debatte über sogenannte Ehrenmorde in Einwandererfamilien aus und wurde von der Generalstaatsanwaltschaft als „vorsätzliche, gemeinschaftlich geplante Tat” eingeordnet, bei der Saman als erwachsene Frau nicht über ihr eigenes Leben habe entscheiden dürfen.