Ronald Castree
- Aktive Jahre
- 1975
- Modus Operandi
- ErstechenVergewaltigung
Ein Mann verbüßt 16 Jahre für einen Mord an einem Kind, den er nicht begangen hat. Er stirbt kurz nach seiner Freilassung, gebrochen von der Haft. Erst 14 weitere Jahre später liefert eine Klebebandspur den Namen des wahren Täters: Ronald Castree.
Die Tat
Am 5. Oktober 1975 schickte die Mutter der elfjährigen Lesley Molseed ihre Tochter in Rochdale zum Einkaufen. Das Mädchen kehrte nie zurück. Drei Tage später wurde ihre Leiche an einer abgelegenen Bahnstrecke nahe Rishworth Moor in West Yorkshire gefunden. Sie war zwölfmal in Schulter und Rücken gestochen worden, ein Stich hatte ihr Herz durchbohrt. Auf ihrer Unterwäsche fanden Ermittler Spermaspuren, ihre übrige Kleidung war unversehrt.
Das Fehlurteil
Die Ermittlungen führten zur Verhaftung von Stefan Kiszko, einem Steuerbeamten aus der Nachbarschaft, am 21. Dezember 1975. Vier Teenager-Mädchen behaupteten fälschlich, er habe sich vor ihnen entblößt, Aussagen, die sie Jahre später als bloßen Streich einräumten. Entscheidend war jedoch unterdrücktes medizinisches Material: Stefan Kiszko litt an Hypogonadismus und konnte keine Spermien produzieren, ein Umstand, der ihn als Täter eigentlich ausgeschlossen hätte. Am 21. Juli 1976 verurteilte ihn ein Gericht dennoch mit einer Mehrheit von zehn zu zwei Stimmen zu lebenslanger Haft.
Sechzehn Jahre saß der Unschuldige ein, wurde in Haft angegriffen und entwickelte eine Schizophrenie. Erst am 17. Februar 1992 erklärte Lord Lane vor Gericht, ein Mann, der nachweislich keine Spermien produzieren könne, könne nicht der Mörder sein, und ordnete die sofortige Freilassung an. Die Jahre der Haft hatten ihn jedoch gesundheitlich zerstört: Er starb am 23. Dezember 1993, nur 22 Monate nach seiner Entlassung, an einem Herzinfarkt.
Die wahre Aufklärung
Bereits 1999 hatten Wissenschaftler aus Klebeband, das bei der ursprünglichen Tatortuntersuchung verwendet worden war, ein DNA-Profil extrahiert. Es blieb zunächst ohne Treffer. Erst 2005 geriet Ronald Castree, ein Taxifahrer und Comic-Händler aus Shaw und Crompton bei Oldham, wegen eines nicht zusammenhängenden Sexualdelikts in den Fokus der Polizei. Sein DNA-Profil stimmte exakt mit dem Spermaspuren-Fund von 1975 überein, eine Sachverständige bezifferte die Wahrscheinlichkeit eines Irrtums auf eins zu einer Milliarde. Er wurde am 5. November 2006 verhaftet.
Ronald Charles Edward Castree, geboren am 18. Oktober 1953, hatte bereits vor dem Mord an Lesley Molseed einschlägige Vorstrafen: 1976 wegen der Entführung und sexuellen Nötigung eines neunjährigen Mädchens sowie 1978 wegen der Nötigung eines siebenjährigen Jungen, beide Male kam er mit Geldstrafen davon. Als mögliches Motiv für die Tat von 1975 gilt, dass seine Ehefrau kurz zuvor ein Kind zur Welt gebracht hatte, dessen biologischer Vater ein anderer Mann war.
Prozess und Urteil
Der Prozess begann am 22. Oktober 2007 am Bradford Crown Court. Am 12. November 2007 wurde Ronald Castree für schuldig befunden, erneut mit der gleichen Zehn-zu-zwei-Mehrheit wie beim Fehlurteil gegen Stefan Kiszko 1976. Das Gericht verurteilte ihn zu lebenslanger Haft mit einer Mindestverbüßungsdauer von 30 Jahren, eine Entlassung wäre damit frühestens im Alter von etwa 84 Jahren möglich. Ronald Castree sitzt diese Strafe bis heute ab.
Der Fall bleibt eines der bekanntesten Beispiele britischer Justizgeschichte dafür, wie unterdrückte Beweise und erfundene Zeugenaussagen einen unschuldigen Mann ins Gefängnis brachten, während der wahre Täter über drei Jahrzehnte lang unentdeckt blieb.