Mustapha Bassaine
- Aktive Jahre
- 1970
- Modus Operandi
- ErstechenStumpfe Gewalt
Während sein Arbeitgeber, der Vorsitzende des Fernsehsenders Granada TV, mit seiner Frau über Weihnachten in der Karibik weilte, wurde in dessen herrschaftlicher Stadtvilla in Belgravia sein Butler mit einem Fleischerbeil und einem Küchenmesser regelrecht abgeschlachtet. Der Täter floh noch am selben Abend nach Marokko, überzeugt, dort vor britischem Zugriff sicher zu sein, ein Irrtum, der ihn anderthalb Jahre später doch noch einholte.
Werdegang
Mustapha Bassaine war ein arbeitsloser marokkanischer Krankenpfleger, der zum Tatzeitpunkt 26 Jahre alt war und sich in London gelegentlich Geld durch sexuelle Kontakte mit älteren Männern verdiente. Einer dieser Männer war Julian Louis George Sessee, 64 Jahre alt und seit Jahrzehnten Butler von Lord Sidney Bernstein, dem Vorsitzenden von Granada Television, im Anwesen an der Wilton Crescent in Belgravia. Nachbarn beschrieben den Butler als hochgewachsen und distinguiert, stets tadellos gekleidet, der Wirt seiner Stammkneipe lobte ihn als ruhigen, respektablen Gast. Julian betrachtete das Geld, das er seinem jüngeren Bekannten zusteckte, offenbar als eine Art Geschenk, Mustapha dagegen sah darin vor allem eine Einnahmequelle.
Die Tat
In der Nacht vom 19. auf den 20. Dezember 1970, während sein Arbeitgeber mit dessen Frau in der Karibik urlaubte und auch das übrige Hauspersonal frei hatte, lud der Butler seinen Bekannten in seine Kellerwohnung im Anwesen ein. Dessen Freundin Jean Fitzgerald berichtete später, er habe ihr an jenem Abend erzählt, er wolle bei Julian noch Geld auftreiben. Was in der Wohnung geschah, ist nicht mehr rekonstruierbar, am Ende jedenfalls war der Butler mit einem Küchenmesser und einem Fleischerbeil getötet worden, seine Kehle durchtrennt, Kopf und Brust von zahlreichen Stichwunden gezeichnet, der Bauch aufgeschlitzt.
Entdeckung und Ermittlung
Erst am 21. Dezember bemerkten ein Lieferant und eine Teilzeitreinigungskraft, dass sich in der Wohnung tagelang nichts gerührt hatte und sich unaufgehobene Zeitungen stapelten. Eine Sekretärin des Hauses entdeckte schließlich das Ausmaß der Tat: Blutspritzer über Wohnzimmer und Küche verteilt, die Leiche selbst in einem von außen verriegelten Badezimmer, in ein blutiges Handtuch gehüllt. Messer und Beil fanden die Ermittler später in einer Toilette versteckt. Den entscheidenden Hinweis lieferte ausgerechnet die eigene Freundin des Verdächtigen: Sie wandte sich am 23. Dezember an die Polizei und schilderte, wie er zwei Tage zuvor betrunken und in deutlich zu großen, fremden Kleidungsstücken nach Hause gekommen war, dazu mit einer gestohlenen Uhr, einer Kamera und einem Ring sowie blutbefleckten Schuhen und Kratzern an den Händen. Kurz darauf hatte er behauptet, seine Mutter sei erkrankt, und sich ein Flugticket nach Casablanca gekauft, bar bezahlt, obwohl er wenige Tage zuvor noch völlig mittellos gewesen war. Der zuständige Chefermittler stufte den Fall als Beziehungstat ein.
Flucht und Festnahme
Mustapha Bassaine war bereits am 23. Dezember 1970 nach Marokko geflogen, in der Annahme, sein Heimatland liefere grundsätzlich niemanden an Großbritannien aus. Achtzehn Monate lang hielt diese Rechnung auch auf, bis er den entscheidenden Fehler beging, wieder europäischen Boden zu betreten: Am 28. Juni 1972 nahm ihn die Polizei in Rotterdam wegen eines Verstoßes gegen das niederländische Einwanderungsrecht fest, bis zum 10. Juli desselben Jahres war seine Auslieferung nach London abgeschlossen.
Prozess
Der Prozess am Old Bailey begann am 8. Februar 1973. Er plädierte auf nicht schuldig und behauptete, der Butler sei bei bester Gesundheit gewesen, als er die Wohnung verlassen habe, die Tat müsse seine eifersüchtige Freundin begangen haben. Die Geschworenen folgten dieser Version nicht. Am 12. Februar 1973 verurteilte ihn das Gericht wegen Mordes zu lebenslanger Haft, dazu kamen zwei weitere, gleichzeitig verbüßte Jahre für einen Diebstahl von 80 Pfund aus dem Schreibtisch der Hausherrin.
Nachwirkungen
Mustapha Bassaine wurde bereits nach elf Jahren Haft 1984 nach Marokko abgeschoben, über sein weiteres Leben danach ist nichts bekannt. Der Fall sorgte in der britischen Presse für erhebliches Aufsehen, weil er tief in die Welt des prominenten Fernsehmoguls hineinreichte und eine damals gesellschaftlich noch stark tabuisierte gleichgeschlechtliche Beziehung offenlegte. Bemerkenswert ist bis heute, dass die zuständigen Behörden die Gerichtsakten zu diesem Fall bis zum Jahr 2071 unter Verschluss hielten, eine ungewöhnlich lange Sperrfrist, die bis heute Anlass zu Spekulationen gibt, was genau am Wohnsitz des einflussreichen Fernsehmoguls verborgen bleiben sollte.