Die Mörderinnen von Nagyrév
- Aktive Jahre
- 1911–1929
- Modus Operandi
- VergiftungKomplizen
Als ungarische Behörden 1929 Gräber in der Tiszazug-Region öffnen ließen, fanden sie in zahlreichen sterblichen Überresten Arsen. Die Exhumierungen machten sichtbar, was in Nagyrév und benachbarten Dörfern über Jahre verborgen geblieben war: Angehörige hatten mehr als 40 Menschen vergiftet, überwiegend innerhalb der eigenen Familien.
Der Fallkomplex
Die Taten begannen nach der verfügbaren Forschung spätestens 1911 und setzten sich bis 1929 fort. Häufig wurde Arsen aus Fliegenfängerpapier gewonnen und Speisen oder Getränken zugesetzt. Zu den Opfern gehörten Ehemänner, Eltern und andere Angehörige. Hinter den Taten stand keine einzige geschlossene Gruppe mit einem einheitlichen Motiv; vielmehr handelte es sich um viele familiäre Vergiftungen in mehreren Gemeinden.
Die Hebamme Zsuzsanna Fazekas wurde in Ermittlungen und späteren Darstellungen zu einer Schlüsselfigur. Ihr wurde vorgeworfen, Gift beschafft und Frauen beraten zu haben. Die populäre Erzählung, sie habe als unangefochtene Anführerin eine zentral gesteuerte Mordorganisation geleitet, geht jedoch weiter als das, was sich aus den Verfahren sicher ableiten lässt.
Gesellschaftlicher Hintergrund
Historiker verweisen auf Armut, häusliche Gewalt, fehlende Scheidungsmöglichkeiten und die Belastungen des Ersten Weltkriegs. Diese Bedingungen erklären, warum familiäre Konflikte eskalieren konnten; sie entschuldigen die Taten nicht. Auch die verbreitete Deutung als Aufstand unterdrückter Ehefrauen greift zu kurz, weil nicht nur gewalttätige Ehemänner, sondern ebenso ältere, kranke oder als hinderlich betrachtete Angehörige vergiftet wurden.
Ermittlungen und Prozesse
1929 führten Verdachtsmomente, Vernehmungen und Exhumierungen zu umfangreichen Ermittlungen. In den geöffneten Gräbern wurde wiederholt Arsen nachgewiesen. Dutzende Personen gerieten unter Verdacht; 28 Angeklagte, darunter 26 Frauen, mussten sich in mehreren Verfahren verantworten. Es wurden Todes- und lebenslange Freiheitsstrafen sowie kürzere Haftstrafen verhängt.
Zsuzsanna Fazekas starb durch Arsen, bevor sie vor Gericht gestellt werden konnte. Ob sie sich angesichts einer bevorstehenden Festnahme das Leben nahm und wie genau die Polizei auf ihre Spur kam, wird in populären Nacherzählungen unterschiedlich geschildert.
Opferzahl und Nachwirkung
Béla Bodós wissenschaftliche Untersuchung beschreibt die Vergiftung von mehr als 40 Menschen. Die in vielen Darstellungen genannte Zahl von 45 bis 50 Todesfällen ist als historische Schätzgröße brauchbar, aber keine exakt gerichtlich bestätigte Opferbilanz; Behauptungen über 300 Opfer sind nicht nachgewiesen. Der Fall bleibt deshalb ein außergewöhnlich großer, aber in seiner genauen Opferzahl nicht vollständig rekonstruierbarer Giftmordkomplex.