Marie Boyer
- Aktive Jahre
- 1877
- Modus Operandi
- Stumpfe GewaltErwürgenErstechenZerstückelungKomplizen
Marie Boyer war erst 17 Jahre alt, als sie am 19. März 1877 gemeinsam mit ihrem Liebhaber Léon Vitalis ihre eigene Mutter in deren Wohnung in Marseille ermordete. Das Paar zerstückelte die Leiche anschließend und entsorgte die Teile in einem Graben am Stadtrand, wurde aber innerhalb weniger Tage gefasst.
Werdegang
Marie Boyer wuchs in Montpellier auf, besuchte zeitweise die Schule in Lyon und zog im Oktober 1876 mit ihrer verwitweten Mutter nach Marseille in die Rue de la République. Ihr Vater hatte der Familie ein Vermögen von rund 100.000 Francs hinterlassen, das ihre Mutter zunächst verwaltete, bis Marie Boyer volljährig würde. In Marseille lernte sie den 21 Jahre alten Antiquitätenhändler und Geldverleiher Léon Vitalis kennen, mit dem sie eine Liebesbeziehung begann. Er erkannte schnell, dass ihm über Marie Boyer in wenigen Jahren das gesamte väterliche Vermögen zugänglich werden würde, und drängte sie zunehmend, ihre Mutter aus dem Weg zu räumen.
Die Tat
Am Morgen des 19. März 1877 verließ die Mutter das Haus zum Gottesdienst. Léon Vitalis schickte einen im Geschäft beschäftigten Lehrjungen unter einem Vorwand fort, sodass die drei allein waren, als die Mutter zurückkehrte. Er schlug ihr mehrfach gegen Brust und Kopf und versuchte, sie zu erwürgen, sie wehrte sich jedoch und schrie um Hilfe. Marie Boyer soll versucht haben, die Schreie zu übertönen, ehe sie ihm ein großes Küchenmesser reichte, mit dem er die tödlichen Stiche setzte. Anschließend zerstückelten beide die Leiche im Keller des Hauses und entstellten das Gesicht, um eine Identifizierung zu erschweren. Da sich der felsige Untergrund nicht zum Vergraben eignete, transportierten sie die Leichenteile nachts mit einem Handwagen zu einem Graben am Cap Pinède außerhalb der Stadt und bedeckten sie mit Steinen und Sand.
Ermittlung und Geständnis
Ein Lehrjunge und ein misstrauischer Nachbar meldeten das Verschwinden der Mutter der Polizei. Bereits am folgenden Tag wurden die Leichenteile im Graben entdeckt, der Lehrjunge identifizierte sie anhand der Kleidung. Als die Kommissare kurz darauf im Laden erschienen, trafen sie das Paar mitten in den Vorbereitungen zur Flucht an. Beide leugneten zunächst, gestanden die Tat aber im Verhör vor dem Untersuchungsrichter.
Prozess
Der Fall kam am 2. Juli 1877 vor das Schwurgericht in Aix-en-Provence. Léon Vitalis wurde zum Tode verurteilt und am 17. August 1877 in Marseille hingerichtet, Zeitzeugen beschrieben ihn dabei als reumütig. Marie Boyer wurde aufgrund ihres Alters und mildernder Umstände zu lebenslanger Zwangsarbeit verurteilt, blieb aber am Leben.
Nachwirkungen
Ihr Verhalten während der Haft galt als vorbildlich und reumütig, weshalb sie 1892, nach fünfzehn Jahren, begnadigt und freigelassen wurde. Über ihr weiteres Leben nach der Entlassung ist nichts bekannt. Der Fall wurde in Frankreich unter anderem in einer zeitgenössischen Moritat verarbeitet, der Complainte de Vitalis-Maria-Boyer.