Marie Besnard
- Aktive Jahre
- 1927–1949
- Modus Operandi
- Vergiftung
Zwölf Jahre lang prüfte die französische Justiz den Verdacht, Marie Besnard habe Menschen aus ihrem Umfeld mit Arsen vergiftet. Drei Prozesse und ein erbitterter Streit unter Sachverständigen endeten am 12. Dezember 1961 mit einem vollständigen Freispruch. Die Aufarbeitung des Institut national de l’audiovisuel zeigt, wie Zweifel an den toxikologischen Befunden das Verfahren zu Fall brachten. Kein einziger Mord wurde ihr gerichtlich nachgewiesen.
Werdegang
Sie wuchs als Marie Joséphine Philippine Davaillaud in Loudun in der westfranzösischen Region Poitou auf. 1920 heiratete sie ihren Cousin Auguste Antigny, der 1927 offiziell an einer Rippenfellentzündung starb. 1928 ging sie ihre zweite Ehe mit dem wohlhabenden Landwirt Léon Besnard ein und übernahm mit ihm dessen Namen. Das Paar lebte fortan in Loudun, wo im Lauf der folgenden zwei Jahrzehnte auffällig viele Angehörige und Bekannte aus dem unmittelbaren Umfeld der beiden verstarben, meist mit unspezifischen Diagnosen wie Lungenentzündung, Hirnblutung oder Urämie.
Die Verdachtsfälle
Zwischen 1927 und 1949 starben im Umkreis von Marie Besnard insgesamt zwölf Menschen unter Umständen, die später als verdächtig eingestuft wurden:
- Auguste Antigny (33, erster Ehemann), 1927
- Léon Besnards Vater Marcellin Besnard (78), 1940
- Léon Besnards Mutter Marie-Louise Besnard (68), 1941
- Toussaint Rivet (64) und dessen Frau Blanche Rivet (49), 1939 bzw. 1941
- ihr eigener Vater Pierre Davaillaud (78), 1940
- ihre Cousinen Pauline Bodineau (88) und Virginie Lalleron (83), beide 1945
- ihre Mutter Marie-Louise Davaillaud (71), 1949
- Léon Besnard selbst (†1947, offiziell Nierenversagen)
In fast allen Fällen hatten die Verstorbenen Marie Besnard testamentarisch begünstigt oder ihr zumindest erhebliche Vermögenswerte hinterlassen.
Ermittlung
Die Ermittlungen begannen 1949, nachdem die Postmeisterin Louise Pintou der Gendarmerie mitteilte, Léon Besnard habe ihr gegenüber vor seinem Tod geäußert, seine Frau mische ihm etwas ins Essen. Daraufhin ordnete die Justiz die Exhumierung Léon Besnards an, bei der erhebliche Mengen Arsen in seinen Überresten nachgewiesen wurden. In der Folge wurden die Leichen von zwölf weiteren mutmaßlichen Opfern exhumiert, in praktisch allen Fällen fanden die Toxikologen Arsenspuren. Marie Besnard wurde am 21. Juli 1949 wegen mehrfachen Mordes angeklagt und bis 1954 in Untersuchungshaft gehalten.
Drei Prozesse
Der erste Prozess fand im Februar 1952 in Poitiers statt. Die Verteidiger Albert Gautrat und René Hayot zweifelten die vom Toxikologen Georges Béroud verwendete Nachweismethode an und wiesen auf mögliche Verwechslungen bei den Gewebeproben hin, das Verfahren endete ohne Urteil und mit der Anordnung neuer Gutachten. Der zweite Prozess 1954 in Bordeaux scheiterte daran, dass sich die neu bestellten Sachverständigen untereinander nicht einigen konnten. Erst der dritte Prozess im November 1961, wiederum in Bordeaux, kam zu einem Ende: Die Verteidigung argumentierte erfolgreich, das gefundene Arsen könne auch aus der Friedhofserde in die Leichname gelangt sein, zudem hätten Etikettierungsfehler bei den Laborproben die Ergebnisse verfälscht. Am 12. Dezember 1961 sprachen die Geschworenen sie nach nur gut drei Stunden Beratung in allen Anklagepunkten frei.
Freispruch und Kontroverse
Marie Besnard erhielt für ihre insgesamt jahrelange Untersuchungshaft keine Entschädigung. In der öffentlichen Wahrnehmung blieb der Fall gespalten: Für die einen war sie das Opfer einer unzuverlässigen forensischen Methode und einer Justiz, die sich in einen Verdacht verrannt hatte, für andere blieb sie trotz des Freispruchs die Giftmischerin von Loudun. Bis heute lässt sich nicht zweifelsfrei klären, ob die ungewöhnliche Häufung von Todesfällen in ihrem Umfeld auf Zufall, auf methodische Fehler bei der Beweisführung oder tatsächlich auf jahrzehntelange Verbrechen zurückgeht.
Nachwirkungen
Nach ihrem Freispruch lebte Marie Besnard bis zu ihrem Tod am 14. Februar 1980 weiterhin in Loudun. Der Fall beschäftigte die französische Öffentlichkeit noch Jahrzehnte später in Büchern und Fernsehdokumentationen.