Laurence Shirley
- Aktive Jahre
- 1760
- Modus Operandi
- Erschießen
Er ließ den alten Mann niederknien, wie zur Beichte, und erschoss ihn dann aus nächster Nähe. Das Opfer war kein Fremder, sondern der langjährige Verwalter seines eigenen Gutshauses. Der Täter war Laurence Shirley, 4. Earl Ferrers, einer der höchsten Adligen Englands, geboren am 18. August 1720. Als er am 5. Mai 1760 in London gehängt wurde, war er der letzte englische Peer, dem dieses Schicksal je widerfuhr, hingerichtet mit denselben Mitteln wie ein gewöhnlicher Verbrecher, wenn auch, so die Legende, an einem seidenen statt hänfenen Strick.
Werdegang
Laurence Shirley erbte den Titel des Earl Ferrers 1745 nach dem Tod seines Onkels. Schon früh galt er als launenhaft, jähzornig und dem Alkohol zugeneigt. Seine Ehe mit Mary Meredith zerbrach nach Jahren häuslicher Gewalt so vollständig, dass ihm 1758 per Parlamentsbeschluss die Verwaltung seines eigenen Vermögens entzogen wurde. Fortan führten Treuhänder seine Geschäfte, unter ihnen sein langjähriger Verwalter John Johnson, ein älterer Mann, der jahrzehntelang loyal für die Familie gearbeitet hatte.
Genau dieser Kontrollverlust wurde dem Verwalter zum Verhängnis. Der Earl empfand die Fremdverwaltung als persönliche Demütigung und warf ihm vor, sich mit den Treuhändern gegen ihn verschworen zu haben, eine Behauptung, für die es keine Belege gab.
Die Tat
Am 18. Januar 1760 lud er John Johnson zu einem Termin auf sein Anwesen Staunton Harold Hall in Leicestershire ein. Nach einem Gespräch über Geschäftliches beschuldigte er den Verwalter der Illoyalität, befahl ihm niederzuknien und schoss ihm aus kurzer Distanz in den Bauch. Der Verwalter starb nicht sofort. Er wurde zunächst im Herrenhaus notdürftig versorgt, während ein betrunkener Earl ihn weiter beschimpfte, ehe ein Arzt ihn schließlich nach Hause bringen ließ. Dort starb er am nächsten Morgen an seinen Verletzungen.
Festnahme und Prozess
Ein Arzt namens Kirkland und ein Bergarbeiter namens Curtis nahmen ihn noch am selben Tag fest, eine gerichtsmedizinische Untersuchung stellte rasch Mord fest. Weil er als Peer des Königreichs galt, konnte nur seinesgleichen über ihn richten: Vom 16. bis 18. April 1760 tagte eigens das House of Lords als Gerichtshof. Laurence Shirley verteidigte sich selbst und berief sich auf Wahnsinn, ein Plädoyer, das seine eigenen Verwandten wenig überzeugend fanden und das die Lords einstimmig zurückwiesen. Er wurde des Mordes für schuldig befunden und zum Tod durch den Strang sowie zur anschließenden Anatomisierung seines Leichnams verurteilt, wie es das noch junge Murder Act von 1751 für Mörder vorsah.
Hinrichtung
Am Morgen des 5. Mai 1760 wurde er aus dem Tower of London geholt und in seiner eigenen, von sechs Pferden gezogenen Kutsche durch Menschenmassen zum Galgen von Tyburn gefahren, eine dreistündige Fahrt, die zu einem der meistbeachteten öffentlichen Ereignisse des Jahres wurde. Anschließend wurde sein Leichnam wie vom Gesetz vorgeschrieben zur Anatomisierung an die Chirurgen der Surgeons’ Hall am Old Bailey übergeben.
Nachwirkungen
Der Fall um Laurence Shirley gilt bis heute als Sonderfall der englischen Rechtsgeschichte: Er zeigte, dass selbst ein Angehöriger des Hochadels dem Gesetz nicht entkam, ein Umstand, den viele Zeitgenossen als bemerkenswert empfanden. Kein englischer Peer wurde seither je wieder hingerichtet, was Laurence Shirley bis heute seinen zweifelhaften Platz als letzten seines Standes am Galgen sichert.