John Christie
- Aktive Jahre
- 1943–1953
- Modus Operandi
- ErwürgenVergiftung
Als ein neuer Mieter am 24. März 1953 eine tapezierte Küchenwand öffnete, fand er drei Frauenleichen. John Reginald Halliday Christie war da bereits verschwunden. Die Entdeckung in der Rillington Place 10 legte acht Tötungen offen und zwang die britische Regierung, den Prozess gegen den zuvor hingerichteten Nachbarn Timothy Evans untersuchen zu lassen. Die Einsetzung der amtlichen Untersuchung ist im Hansard dokumentiert.
Werdegang
Er wurde 1899 im englischen Boothtown bei Halifax als sechstes von sieben Kindern geboren. Die Familie galt als streng, sein Vater soll autoritär und distanziert gewesen sein. Trotz überdurchschnittlicher Intelligenz verließ er die Schule früh und arbeitete zunächst als Filmvorführer. Schon als Jugendlicher litt er unter sexueller Funktionsstörung, ein Umstand, der ihn zeitlebens begleitete und den er später selbst als Ursprung seines Hasses auf Frauen beschrieb.
Im Ersten Weltkrieg diente er als Soldat und wurde 1918 Opfer eines Gasangriffs. Ob die danach von ihm behaupteten Folgen wie zeitweise Blindheit und Stummheit tatsächlich eintraten, gilt unter Historikern als zweifelhaft. 1920 heiratete er Ethel Simpson, die Ehe war von Anfang an von seiner Impotenz und wiederholten Trennungen geprägt. In den 1920er- und frühen 1930er-Jahren häuften sich Verurteilungen wegen Diebstahls, Betrugs und Gewaltdelikten, mehrfach saß er deshalb im Gefängnis. 1934 kehrte er zu Ethel zurück, vier Jahre später bezogen beide die Wohnung im Erdgeschoss der Rillington Place 10, dem Ort, der später untrennbar mit seinem Namen verbunden sein sollte. Im Zweiten Weltkrieg diente er kurzzeitig als Hilfspolizist, bevor er Ende 1943 aus diesem Dienst ausschied, just in dem Jahr, in dem er sein erstes bekanntes Opfer tötete.
Kriminelle Aktivitäten
Sein Vorgehen änderte sich über die Jahre kaum: Er betäubte seine Opfer mit über einen Schlauch eingeleitetem Leuchtgas, würgte sie anschließend und missbrauchte die Frauen häufig noch während oder nach dem Todeskampf sexuell. Die ersten beiden Getöteten lernte er über Bekanntschaften und Gelegenheitsjobs kennen, spätere Opfer warb er unter dem Vorwand an, ungewollte Schwangerschaften mit einem selbst erfundenen Mittel beenden zu können.
Bekannte Opfer (chronologisch):
- Ruth Fuerst (21), 24. August 1943
- Muriel Eady (31), 7. Oktober 1944
- Beryl Evans (20), 8. November 1949
- Geraldine Evans (13 Monate), 8. November 1949
- Ethel Christie (54), 14. Dezember 1952
- Rita Nelson (25), 19. Januar 1953
- Kathleen Maloney (26), Februar 1953
- Hectorina MacLennan (26), 6. März 1953
Beryl Evans und ihre Tochter Geraldine waren zum Zeitpunkt ihres Todes Untermieter im oberen Stockwerk des Hauses, ihr Ehemann und Vater Timothy Evans wohnte ebenfalls dort. Ethel Christie wurde erst Wochen nach ihrem Tod als vermisst gemeldet, ihr Mann hatte in der Zwischenzeit gegenüber Nachbarn und Verwandten wiederholt behauptet, sie sei verreist. Die drei letzten Opfer starben innerhalb weniger Wochen kurz vor seiner Festnahme, teils lagen ihre Leichen noch in der Wohnung, als er diese bereits untervermietet hatte.
Ermittlung und Festnahme
Am 24. März 1953 stieß der neue Mieter der Wohnung, Beresford Brown, beim Anbringen einer Wandhalterung auf einen mit Tapete verkleideten Wandschrank in der Küche und fand darin die Leichen dreier Frauen. Weitere Ermittlungen führten zu den sterblichen Überresten zweier weiterer Opfer im Garten sowie zum Leichnam Ethels unter den Dielen des Wohnzimmers. Die Polizei hatte den Garten bei früheren Ermittlungen bereits durchsucht, ohne die dort vergrabenen Knochen zu entdecken, ein Fehler, der später scharf kritisiert wurde.
Er war zu diesem Zeitpunkt bereits untergetaucht. Am 31. März 1953 nahm ihn die Polizei in der Nähe der Putney Bridge fest, nachdem ein Beamter seine Identität überprüft hatte. Bei ihm fand sich ein alter Zeitungsausschnitt über das Verfahren gegen Timothy Evans, jenen Nachbarn, der drei Jahre zuvor für zwei der Morde hingerichtet worden war. Noch am Tag der Festnahme legte er ein erstes Geständnis ab, im Laufe der folgenden Wochen erweiterte er es schrittweise, am 27. April 1953 räumte er auch die Tötung Beryl Evans ein, bestritt zunächst aber, auch die kleine Geraldine getötet zu haben. Anfang Juni 1953 gestand er zudem die beiden frühesten Morde an Ruth Fuerst und Muriel Eady.
Prozess und Hinrichtung
Der Prozess begann am 22. Juni 1953 am Old Bailey in London, im selben Gerichtssaal, in dem drei Jahre zuvor bereits über Timothy Evans verhandelt worden war. Angeklagt war er formal nur wegen der Ermordung seiner Frau Ethel, die Verteidigung plädierte auf Unzurechnungsfähigkeit. Der Gutachter Dr. Matheson bescheinigte ihm zwar eine „hysterische Persönlichkeit”, stufte ihn jedoch als schuldfähig ein. Die Geschworenen benötigten nur 85 Minuten, um ihn für schuldig zu befinden. Richter Finnemore verhängte die Todesstrafe. Auf eine Berufung verzichtete er.
Am 15. Juli 1953 wurde er im Gefängnis Pentonville durch den Henker Albert Pierrepoint gehängt, denselben Mann, der zuvor bereits Timothy Evans hingerichtet hatte.
Nachwirkungen
Die zentrale Nachwirkung des Falls betrifft nicht John Christie selbst, sondern seinen früheren Nachbarn Timothy Evans. Dieser war 1950 wegen der Ermordung seiner Tochter Geraldine verurteilt und hingerichtet worden, nachdem er im Verfahren als wichtiger Belastungszeuge gegen ihn ausgesagt hatte. Als Jahre später klar wurde, dass er selbst mehrere Frauen im selben Haus auf dieselbe Weise getötet hatte, wuchsen die Zweifel an Timothys Schuld erheblich. Eine erste Untersuchung 1953 hielt trotzdem an dessen Verurteilung fest, eine zweite Untersuchung in den 1960er-Jahren kam zu dem Schluss, dass es wahrscheinlicher sei, dass er auch für den Tod der kleinen Geraldine verantwortlich war. Am 18. Oktober 1966 wurde Timothy Evans posthum begnadigt, 2003 erhielt seine Familie eine Entschädigungszahlung, ein Gericht stellte 2004 ausdrücklich fest, dass er weder seine Frau noch seine Tochter getötet hatte.
Der Fall gilt als eines der einflussreichsten Beispiele für die Gefahr von Fehlurteilen in Kapitalverfahren und wurde in der öffentlichen Debatte immer wieder als Argument gegen die Todesstrafe angeführt. Er trug maßgeblich dazu bei, dass die Todesstrafe in Großbritannien 1965 zunächst ausgesetzt und wenig später endgültig abgeschafft wurde. Das Haus Rillington Place 10 selbst wurde in den 1970er-Jahren abgerissen, die Straße existiert unter diesem Namen heute nicht mehr.