John Bodkin Adams
- Aktive Jahre
- 1946–1956
- Modus Operandi
- Vergiftung
Die Polizei prüfte 163 Todesfälle aus seiner Praxis, doch vor Gericht stand John Bodkin Adams nur wegen des Todes von Edith Alice Morrell. Nach einem dreiwöchigen Prozess sprach ihn die Jury 1957 frei. Der zeitgenössische Bericht von TIME hält fest, dass die Geschworenen weniger als eine Stunde berieten. Kein einziger Mord wurde dem Arzt je gerichtlich nachgewiesen.
Werdegang
John Bodkin Adams wurde am 21. Januar 1899 im nordirischen Randalstown geboren und wuchs in einer streng religiösen Familie der Plymouth Brethren auf. Nach seinem Medizinstudium ließ er sich 1922 in Eastbourne an der englischen Südküste nieder, einem beliebten Ruhesitz wohlhabender älterer Menschen, und baute sich dort über Jahrzehnte eine Praxis auf. Er blieb unverheiratet, lebte zurückgezogen und wurde zu einer festen Größe im gesellschaftlichen Leben der Kurstadt, wo er zunehmend als Vertrauensarzt betuchter, oft alleinstehender älterer Patienten fungierte.
Verdächtige Muster
Zwischen 1946 und 1956 verstarben 163 seiner Patienten unter Umständen, die Ermittler später als verdächtig einstuften, viele davon im Koma, nachdem er ihnen „spezielle Injektionen“ verabreicht hatte, deren genauen Inhalt er nie offenlegte. Auffällig war vor allem das wiederkehrende Muster: 132 der insgesamt 310 untersuchten Patienten hatten ihn testamentarisch bedacht, mehrere sogar mit ganzen Fahrzeugen. 1956 galt er als reichster Arzt Englands. Zwei Fälle bildeten später den Kern der Anklage: die 81-jährige Edith Alice Morrell, die 1949 nach einem Schlaganfall starb, und die 50-jährige Gertrude Hullett, die 1956 an einer offiziell als Hirnblutung diagnostizierten Ursache verstarb.
Ermittlung und Prozess
Scotland Yard unter der Leitung von Detective Superintendent Herbert Hannam nahm die Ermittlungen 1956 auf, nachdem der Home-Office-Pathologe Francis Camps auf die Häufung verdächtiger Todesfälle aufmerksam geworden war. Am 19. Dezember 1956 wurde er verhaftet und wegen der Morde an Edith Alice Morrell und Gertrude Hullett angeklagt. Der Prozess begann am 18. März 1957 am Old Bailey, mit dem Staatsanwalt Sir Reginald Manningham-Buller und dem Verteidiger Sir Frederick Geoffrey Lawrence. Den entscheidenden Wendepunkt brachten acht Pflegenotizbücher, die während der Ermittlungen offenbar übersehen worden waren: Sie dokumentierten jede einzelne Injektion an die Patientin so lückenlos, dass sie die Aussagen belastender Zeuginnen widerlegten. Am 15. April 1957 sprach die Jury ihn nach nur 45 Minuten Beratung frei, die Anklage wegen des zweiten Todesfalls ließ die Staatsanwaltschaft anschließend fallen.
Ein Prozess unter fragwürdigem Einfluss
Zahlreiche Beobachter zweifelten schon damals an der Fairness des Verfahrens. Die British Medical Association erschwerte polizeiliche Befragungen von Ärzten, entscheidende Beweismittel tauchten erst spät wieder auf, und der zuständige Attorney General ließ vertrauliche Ermittlungsunterlagen an die Standesorganisation der Ärzteschaft weiterreichen. Der vorsitzende Friedensrichter musste wegen persönlicher Bekanntschaft mit dem Angeklagten zurücktreten, und selbst Premierminister Harold Macmillan war über familiäre Verbindungen mit Patienten des Angeklagten verwoben. Ein Teil der Ermittlungsakten blieb bis 2033 unter Verschluss, was Spekulationen über politische Einflussnahme bis heute befeuert.
Nachwirkungen
Wegen Rezeptfälschung, falscher Angaben auf Kremationsscheinen und Verstößen gegen das Betäubungsmittelgesetz wurde er im Dezember 1957 zu einer Geldstrafe verurteilt und von der Ärztekammer gestrichen, durfte aber bereits 1961 wieder praktizieren. Er verkaufte seine Geschichte für 10.000 Pfund an eine Boulevardzeitung, gewann mehrere Verleumdungsklagen gegen Presseorgane und wurde später sogar Präsident eines Schießsportverbands. John Bodkin Adams starb am 4. Juli 1983 im Alter von 84 Jahren an Herzversagen nach einem Hüftbruch, sein wahres Ausmaß an Schuld blieb für immer ungeklärt. Ob er tatsächlich einer der tödlichsten Serientäter der britischen Geschichte war oder ein Arzt, der schlicht großzügige, sterbende Patienten schlecht dokumentierte, lässt sich aus heutiger Sicht nicht mehr zweifelsfrei beantworten.