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Jeremy Bamber

North Street im Dorf Tolleshunt D'Arcy in der englischen Grafschaft Essex, nahe der White House Farm, dem Tatort des Fünffachmords von 1985
JThomas / Geograph Britain and Ireland / Wikimedia Commons · CC BY-SA 2.0
5
Opfer
inhaftiert
MassenmörderTolleshunt D'Arcy , Großbritannien
Aktive Jahre
1985
Modus Operandi
Erschießen

Ein Telefonanruf mitten in der Nacht, eine Familie, die kurz darauf tot in ihrem Farmhaus liegt, und ein Sohn, der als Einziger übrig bleibt. War es ein Mord-Suizid der psychisch erkrankten Tochter, wie die Polizei zunächst annahm, oder ein sorgfältig inszenierter Fünffachmord? Am 7. August 1985 starben auf der White House Farm im englischen Essex fünf Menschen durch Schüsse aus einem Kleinkalibergewehr. Jeremy Bamber, der Adoptivsohn des Hauses, wurde ein Jahr später zu fünfmal lebenslanger Haft verurteilt und sitzt bis heute im Gefängnis, obwohl er die Tat von Anfang an bestreitet.

Werdegang

Jeremy Nevill Bamber kam am 13. Januar 1961 unehelich zur Welt und wurde im Alter von sechs Wochen von dem Landwirt Nevill Bamber und dessen Frau June adoptiert. Die Familie besaß die White House Farm im Dorf Tolleshunt D’Arcy in Essex, dazu gehörte auch ein Wohnwagenpark, der zusätzliches Einkommen einbrachte. Er besuchte die Privatschule Gresham’s School in Norfolk, verbrachte Zeit in Australien und Neuseeland und arbeitete zuletzt für einen Wochenlohn auf dem Hof seines Adoptivvaters. Er selbst lebte getrennt von der Familie in einem gemieteten Cottage im nahen Goldhanger, zusammen mit seiner Freundin Julie Mugford. Seine Adoptivschwester Sheila Caffell, ein früheres Model, litt an einer schizoaffektiven Störung und war zum Tatzeitpunkt bei den Eltern zu Besuch, gemeinsam mit ihren sechsjährigen Zwillingssöhnen Daniel und Nicholas.

Die Tat

In der Nacht zum 7. August 1985 fielen auf der White House Farm insgesamt 25 Schüsse aus einem halbautomatischen Anschütz-Kleinkalibergewehr mit Schalldämpfer. Getötet wurden Nevill Bamber (61), June Bamber (61), Sheila Caffell (28) sowie die beiden Sechsjährigen Daniel und Nicholas. Gegen 3:26 Uhr rief Jeremy Bamber die Polizei, sein Vater habe angerufen und gesagt, Sheila sei „durchgedreht” und habe eine Waffe. Die Beamten fanden das Ehepaar und die Enkel erschossen im Haus vor, Sheila lag tot neben dem Gewehr, mit einer Schusswunde am Hals. Für die Ermittler sah es zunächst nach einem klaren Fall aus: Die labile Tochter habe in einem Wahn ihre Familie erschossen und sich anschließend selbst gerichtet.

Ermittlung und Festnahme

Die erste Untersuchung des Tatorts verlief chaotisch. Blutverschmierte Bettwäsche wurde entsorgt, das Gewehr ohne Handschuhe angefasst, der Schalldämpfer erst drei Tage später sichergestellt. Am 10. August fand ein Cousin der Familie, David Boutflour, den Schalldämpfer versteckt in einem Waffenschrank. Er trug Blutspuren, die zur Blutgruppe Sheilas passten, für die Ermittler ein Hinweis darauf, dass sie sich mit montiertem Schalldämpfer wegen der Gewehrlänge gar nicht selbst hätte erschießen können. Den entscheidenden Anstoß gab jedoch die Aussage von Julie Mugford, die im September 1985 bei der Polizei erschien und erklärte, Jeremy habe ihr gegenüber wiederholt von Mordplänen gegen seine Familie gesprochen und sogar behauptet, einen Auftragskiller dafür engagiert zu haben. Als Motiv nannte die Anklage später eine Erbschaft von umgerechnet mehreren hunderttausend Pfund samt Hof und Wohnwagenpark. Jeremy Bamber wurde am 8. September verhaftet, gegen Kaution wieder freigelassen, reiste nach Südfrankreich in den Urlaub und wurde am 29. September endgültig festgenommen.

Prozess

Der Prozess am Chelmsford Crown Court dauerte im Oktober 1986 neunzehn Tage. Die Anklage stützte sich vor allem auf Julie Mugfords Aussage, auf einen Fingerabdruck am Gewehr, den man auch mit dem üblichen Gebrauch der Waffe bei der Kaninchenjagd hätte erklären können, sowie auf die Blutspuren am Schalldämpfer. Die Verteidigung verwies auf Sheila Caffells psychische Erkrankung, ihre Erfahrung im Umgang mit Schusswaffen und darauf, dass kein Blut an Jeremy Bambers Kleidung gefunden wurde. Am 18. Oktober 1986 sprach die Jury ihn mit einer Mehrheit von zehn zu zwei Stimmen des fünffachen Mordes schuldig. Der Richter verurteilte ihn zu fünfmal lebenslanger Haft und empfahl eine Mindestverbüßungsdauer von 25 Jahren. 1994 verschärfte der damalige britische Innenminister Michael Howard das Urteil zu einer „Whole Life Order”, lebenslanger Haft ganz ohne Aussicht auf Entlassung, eine der seltensten und härtesten Strafen im britischen Recht.

Nachwirkungen

Jeremy Bamber legte mehrfach Berufung ein, zuletzt 2002, als eine neue DNA-Analyse des Schalldämpfers vor dem Court of Appeal verhandelt wurde. Das Gericht bewertete die Ergebnisse jedoch als „komplex, unvollständig und letztlich bedeutungslos” und bestätigte das Urteil. Unterstützer verweisen bis heute auf mehrere ungeklärte Punkte: Polizeifotos, die darauf hindeuten könnten, dass Sheila Caffells Blut zum Zeitpunkt der Aufnahmen noch nicht vollständig geronnen war, was ihren Tod zeitlich näher an den Anruf bei der Polizei rücken würde, sowie Funkprotokolle, in denen von einer „Person im Haus” die Rede ist, während Jeremy Bamber bereits bei den Beamten stand. Mehrere seiner Wiederaufnahmeanträge bei der zuständigen Prüfkommission wurden dennoch abgelehnt. Er sitzt weiterhin in Haft, mittlerweile seit vier Jahrzehnten, und gehört zu den wenigen Häftlingen mit einer Whole Life Order, die durchgehend ihre Unschuld beteuern. Der Fall der White House Farm gilt in Großbritannien bis heute als einer der meistdiskutierten Kriminalfälle des Landes und wurde mehrfach in Dokumentationen und Fernsehserien aufgearbeitet.

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