← Zum Verzeichnis

Jean-Claude Romand

genannt „Der falsche Arzt von Prévessin"

Der Grand Lac von Clairvaux-les-Lacs im Jura, dem Geburtsort und späteren Tatort Jean-Claude Romands
Espirat, via Wikimedia Commons · CC BY-SA 4.0
5
Opfer
„Der falsche Arzt von Prévessin"
frei
MassenmörderPrévessin-Moëns , Frankreich
Aktive Jahre
1993

Jean-Claude Romand, geboren am 11. Februar 1954 in Clairvaux-les-Lacs im französischen Jura, spielte achtzehn Jahre lang einem ganzen Umfeld aus Familie und Freunden einen erfolgreichen Arzt und Forscher der Weltgesundheitsorganisation vor, obwohl er nie einen Abschluss erworben hatte. Am 9. und 10. Januar 1993 tötete er, als die Lüge kurz vor der Aufdeckung stand, seine Frau, seine beiden Kinder und seine Eltern.

Werdegang

Nach dem Abitur in Lons-le-Saunier begann er 1973 ein Medizinstudium in Lyon. Im zweiten Studienjahr fiel er durch eine wichtige Prüfung, gestand sich und anderen das Scheitern aber nicht ein und meldete sich stattdessen einfach wieder zur Wiederholungsprüfung an, ohne sie je abzulegen. Aus dieser ersten Notlüge wurde ein Lebensprojekt: Gegenüber seiner Familie, seiner späteren Frau Florence und dem gesamten Bekanntenkreis behauptete er, das Studium regulär abgeschlossen zu haben und anschließend als Arzt und Forscher am Sitz der Weltgesundheitsorganisation in Genf zu arbeiten, mit einem Schwerpunkt auf Arterienverkalkung.

In Wahrheit betrat er nie ein Büro der WHO. Er verbrachte seine vermeintlichen Arbeitstage stattdessen in Parkplätzen an der Autobahn nahe der Schweizer Grenze, in Hotellobbys oder am Genfer Flughafen, wo er in mitgebrachten Fachzeitschriften las, um im Gespräch fachkundig zu wirken. Seinen Lebensstil samt Haus im französischen Grenzort Prévessin-Moëns finanzierte er, indem er über Jahre Verwandte und Bekannte überredete, ihm Geld zur angeblich gewinnbringenden Anlage bei internationalen Institutionen anzuvertrauen, tatsächlich aber ein klassisches Schneeballsystem betrieb: Neues Geld bediente alte Forderungen, der Rest floss in den eigenen Unterhalt.

Die Taten

Anfang Januar 1993 geriet das Konstrukt endgültig ins Wanken: Mehrere Geldgeber verlangten gleichzeitig größere Summen zurück, die er nicht mehr aufbringen konnte. In der Nacht zum 9. Januar 1993 erschlug er seine schlafende Frau Florence im gemeinsamen Schlafzimmer mit einem Nudelholz. Am folgenden Morgen erschoss er nacheinander die siebenjährige Tochter Caroline und den fünfjährigen Sohn Antoine, ebenfalls im Schlaf, mit einem Kleinkalibergewehr. Anschließend fuhr er zu seinen Eltern nach Clairvaux-les-Lacs, aß mit ihnen zu Mittag und erschoss danach beide sowie den Familienhund.

Am Abend versuchte er zusätzlich, seine langjährige Geliebte mit Tränengas und würgend zu töten, sie konnte jedoch fliehen und ihn nicht wiedererkennen wollen, weil sie an einen Unbekannten dachte. In der Nacht übergoss er sein Haus in Prévessin-Moëns mit Benzin, zündete es an und nahm eine Überdosis abgelaufener Schlaftabletten, die ihre Wirkung längst verloren hatten. Feuerwehrleute retteten ihn in den frühen Morgenstunden aus dem brennenden Gebäude.

Ermittlung und Prozess

Erst durch die Ermittlungen nach dem Brand kam ans Licht, dass er nie für die Weltgesundheitsorganisation gearbeitet und nie einen medizinischen Abschluss erworben hatte. Der Prozess begann am 25. Juni 1996 vor dem Schwurgericht des Département Ain. Er gestand die Taten und wurde am 2. Juli 1996 zu lebenslanger Haft ohne Möglichkeit einer Entlassung vor 2015 verurteilt. Gutachter diagnostizierten eine narzisstische Persönlichkeitsstörung.

Nachwirkungen

Der Schriftsteller Emmanuel Carrère verfolgte den Prozess und veröffentlichte 2000 das Buch „L’Adversaire” über den Fall, das 2002 mit Daniel Auteuil in der Hauptrolle verfilmt wurde und den Namen Jean-Claude Romands international bekannt machte. Nach mehrfacher Ablehnung wurde er 2019 unter Auflagen und elektronischer Überwachung aus der Haft entlassen und lebt seither zurückgezogen in einem Kloster.

Mehr zum Fall

Werbung · Affiliate-Links