Jack the Ripper
- Aktive Jahre
- 1888
- Modus Operandi
- ErstechenZerstückelung
Zwischen dem 31. August und dem 9. November 1888 tötete ein bis heute nicht identifizierter Täter im Londoner East-End-Stadtteil Whitechapel mindestens fünf Frauen auf derart brutale und öffentlichkeitswirksame Weise, dass der Fall zum bekanntesten ungeklärten Serienmord der Geschichte wurde. Der Name „Jack the Ripper” stammt aus einem an die Presse gesandten Brief, dessen Echtheit bis heute umstritten ist. Trotz jahrzehntelanger Ripperologie, wie die Erforschung des Falls inzwischen genannt wird, und zahlreicher Verdächtigentheorien, darunter zuletzt verstärkt Aaron Kosminski, wurde die Identität des Täters nie zweifelsfrei geklärt.
Der Schauplatz Whitechapel
Whitechapel gehörte 1888 zu den ärmsten Vierteln Londons, geprägt von Massenarmut, überfüllten Mietskasernen und einer hohen Zahl Prostituierter, die sich auf der Straße verdingten, um zu überleben. Genau in diesem Milieu, unter Frauen, die aus purer wirtschaftlicher Not allein mit fremden Männern in dunkle Gassen und Hinterhöfe gingen, fand der Täter seine Opfer.
Die kanonischen fünf Morde
Als sogenannte „kanonische fünf” gelten die Morde, die Ermittler und Historiker mit größter Übereinstimmung ein und demselben Täter zuschreiben:
- Mary Ann Nichols (43), 31. August 1888, Buck’s Row: Kehle zweifach durchschnitten, Unterleib geöffnet.
- Annie Chapman (47), 8. September 1888, Hanbury Street: Kehle durchtrennt, Unterleib vollständig ausgeweidet, die Gebärmutter fehlte am Tatort.
- Elizabeth Stride (44), 30. September 1888, Dutfield’s Yard: keine Bauchverstümmelung, vermutlich wurde der Täter bei der Tat gestört.
- Catherine Eddowes (46), in derselben Nacht wie Stride nur eine knappe Stunde später, Mitre Square: schwer verstümmelt, linke Niere und ein Teil der Gebärmutter fehlten, das Gesicht war entstellt.
- Mary Jane Kelly (25), 9. November 1888, Miller’s Court: die mit Abstand umfassendste Verstümmelung, begangen im Innern ihres eigenen gemieteten Zimmers statt im Freien, das Herz fehlte am Tatort.
Der Polizeichirurg Thomas Bond, der 1888 eines der ersten kriminalpsychologischen Täterprofile der Geschichte erstellte, kam zu dem Schluss, alle fünf Morde seien zweifelsfrei von derselben Person begangen worden, vermutete jedoch keine zwingend chirurgische Vorbildung, sondern eher sexuell motivierten, destruktiven Wahn.
Ermittlungen
Scotland Yard unter Inspektor Frederick Abberline befragte über 2.000 Menschen, brachte mehr als 300 mit den Taten in Verbindung und nahm rund 80 Verdächtige zeitweise fest, ohne dass sich ein Tatverdacht erhärtete. Die verunsicherte Bevölkerung gründete ein eigenes „Whitechapel Vigilance Committee”, das die Straßen zusätzlich zur Polizei patrouillierte. Ein an eine Häuserwand gekritzeltes, möglicherweise antisemitisches Graffito in der Goulston Street, das ein Fetzen von Catherine Eddowes’ blutiger Schürze in der Nähe verband, wurde von der Polizei vorschnell übertüncht und lieferte den Ermittlungen keine verwertbare Spur.
Die Briefe
Im Verlauf der Ermittlungen erhielten Polizei und Presse hunderte Briefe, die vorgaben, vom Täter zu stammen. Am bekanntesten wurden drei: der „Dear Boss”-Brief vom 25. September 1888, in dem der Verfasser sich erstmals als „Jack the Ripper” bezeichnete, die „Saucy Jacky”-Postkarte vom 1. Oktober 1888 mit der Ankündigung eines „double event”, die zeitlich zum Doppelmord an Elizabeth Stride und Catherine Eddowes passte, sowie der „From Hell”-Brief vom 15. Oktober 1888 an den Bürgerkomitee-Vorsitzenden George Lusk, dem eine in Alkohol eingelegte halbe menschliche Niere beilag. Die Echtheit aller drei Schreiben gilt unter Historikern bis heute als umstritten, eine australische DNA-Untersuchung wies 2006 nach, dass zumindest ein Großteil der insgesamt erhaltenen Ripper-Briefe eindeutige Fälschungen waren, mutmaßlich von Journalisten verfasst, um die Berichterstattung zu befeuern.
Warum der Fall ungelöst blieb
Mehrere Faktoren erschwerten die Aufklärung: 1888 existierten weder Fingerabdruckverfahren noch andere moderne forensische Methoden, das kriminologische Konzept des Serienmörders war praktisch unbekannt, Zeugenbeschreibungen des Täters widersprachen sich erheblich, und nach dem Mord an Mary Jane Kelly im November 1888 endeten die zweifelsfrei zuzuordnenden Taten abrupt, was Historiker unter anderem mit dem Tod, einer Verhaftung wegen eines anderen Delikts oder der Ausreise des Täters aus England erklären. Wer auch immer die Taten beging, muss als Erwachsener im London des Jahres 1888 gelebt haben und wäre demnach heute selbst im günstigsten Fall weit über 150 Jahre alt, weshalb er unabhängig von der bis heute ungeklärten Identität längst tot sein muss.
Verdächtigentheorien
Über die Jahrzehnte wurden Dutzende Verdächtige vorgeschlagen, von denen keiner abschließend bewiesen werden konnte:
Aaron Kosminski, ein psychisch erkrankter polnisch-jüdischer Friseur aus Whitechapel, galt bereits einem internen Scotland-Yard-Memorandum von 1894 zufolge als Verdächtiger und rückte 2014 erneut ins öffentliche Interesse, als der Autor Russell Edwards zusammen mit dem Biochemiker Jari Louhelainen eine DNA-Analyse an einem angeblich am Tatort von Catherine Eddowes gefundenen Schal veröffentlichte, die eine Übereinstimmung mit Aaron Kosminskis mütterlicher Erbline nahelegen sollte. Die Studie erschien zunächst nicht in einer Fachzeitschrift, sondern in einer Boulevardzeitung, eine 2019 nachgereichte, peer-reviewte Fassung wurde von anerkannten DNA-Experten scharf kritisiert, unter anderem weil die verwendete mitochondriale DNA-Analyse methodisch nur zum Ausschluss, nicht aber zum Nachweis einer Verwandtschaft geeignet sei, weil die Herkunft des Schals selbst nie polizeilich dokumentiert wurde und weil ein als selten dargestellter genetischer Marker in Wahrheit weit verbreitet ist. Ein gesicherter wissenschaftlicher Nachweis gilt der Fachwelt zufolge damit weiterhin als nicht erbracht.
Weitere häufig genannte Verdächtige sind der Jurist Montague John Druitt, der sich kurz nach dem letzten kanonischen Mord das Leben nahm, der russische Ex-Sträfling Michael Ostrog, der amerikanische Wanderquacksalber Francis Tumblety, der später wegen Giftmorden hingerichtete polnische Emigrant George Chapman sowie, in jüngerer Zeit vorgeschlagen, der Fleischverkäufer Charles Allen Lechmere, der als einer der Ersten am Fundort von Mary Ann Nichols’ Leiche auftauchte. Auch William Henry Bury, 1889 in Dundee für den Mord an seiner Ehefrau gehängt, geriet in Verdacht: Er hatte bis kurz vor Ende der kanonischen Mordserie in Whitechapel-Nähe gewohnt, fügte seinem Opfer nachträglich Bauchverletzungen zu und stellte sich der Polizei sogar selbst als „Jack the Ripper”. Da seine Frau erwürgt statt mit durchschnittener Kehle getötet wurde und Scotland Yard ihn nie als ernsthaften Kandidaten führte, gilt auch diese Theorie als nicht belegt. Auch Frederick Bailey Deeming, 1892 in Australien für die Ermordung seiner Familie und seiner zweiten Frau gehängt, soll der Presse zufolge kurz vor seiner Hinrichtung ein Geständnis abgelegt haben. Die Metropolitan Police wies den Verdacht jedoch zurück, da er zur Zeit der Whitechapel-Morde nachweislich entweder inhaftiert oder in Südafrika war. Keine dieser Theorien erreichte je einen belastbaren wissenschaftlichen oder juristischen Konsens.
Nachwirkungen
Der Fall begründete durch die beispiellose, oft reißerische Zeitungsberichterstattung maßgeblich das moderne mediale Bild des Serienmörders und gilt als früher Meilenstein sowohl der Kriminalpsychologie als auch des Sensationsjournalismus. Bis heute erscheinen jährlich neue Bücher, Dokumentationen und Verfilmungen zum Thema, in Whitechapel selbst erinnert unter anderem das kommerzielle Jack the Ripper Museum an die Taten, was in der lokalen Bevölkerung wiederholt Kritik an einer Verklärung der eigentlichen Opfer auslöste.
Vergleiche mit Jack the Ripper finden sich auch in den Profilen zu Andreas Bichel, Bible John, dem Cleveland-Torso-Mörder, Jack the Stripper, dem Servant Girl Annihilator und Anthony Arkwright.