Henry Julius Jacoby
- Aktive Jahre
- 1922
- Modus Operandi
- Stumpfe GewaltEinbruch
Ein Küchenjunge nimmt sich vor, in den Zimmern der Hotelgäste ein wenig Geld zu erbeuten, und steckt vorsichtshalber einen Hammer ein, „falls nötig”. Als eine der Bewohnerinnen in der Nacht aufwacht und ihn erwischt, schlägt er zu, immer wieder. Wenige Wochen später hängt der 18 Jahre alte Henry Julius Jacoby am Galgen von Pentonville, während ein anderer Mörder, der im selben Jahr eine Prostituierte umbrachte, wegen Unzurechnungsfähigkeit ungeschoren nach Broadmoor kommt. Der Unterschied, so der Vorwurf der Öffentlichkeit damals: Geld und Herkunft.
Werdegang
Henry Julius Jacoby wurde 1903 geboren und wuchs unter einfachen Verhältnissen auf. 1922 arbeitete er als Küchenjunge (Pantry Boy) im Spencer’s Hotel an der Portman Street in London, einem Haus im wohlhabenden Marylebone. Zu seinen Aufgaben gehörte es, nachts das Geschirr und die Vorräte für die Gäste bereitzustellen, was ihm Zugang zu den oberen Stockwerken verschaffte.
Die Tat
In der Nacht vom 13. auf den 14. März 1922 schlich er sich mit einem Hammer bewaffnet durch die Gänge des Hotels, in der Absicht, Geld aus den Zimmern der Gäste zu stehlen. Als die 65 Jahre alte Witwe Lady Alice White, die Witwe eines früheren Vorsitzenden des London County Council, in ihrem Zimmer Nummer 14 aufwachte und ihn zu bemerken drohte, schlug er wiederholt mit dem Hammer auf sie ein, um sie am Alarmieren der anderen Gäste zu hindern. Ein Zimmermädchen fand sie am nächsten Morgen mit eingeschlagenem Schädel, noch am Leben. Sie starb wenige Stunden später an ihren Verletzungen.
Ermittlung und Prozess
Bei der Durchsuchung des Hotelpersonals fanden Ermittler blutbefleckte Taschentücher bei ihm, und seine widersprüchlichen Angaben zu seinem Vorleben weckten Misstrauen. Er gestand rasch. Der Prozess am Old Bailey im April 1922, unter Vorsitz von Richter Henry McCardie, dauerte nur wenige Stunden. Sein Verteidiger, der noch unerfahrene Anwalt Lucien Fior, konnte nicht verhindern, dass die Jury nach 43 Minuten Beratung ein Schuldurteil fällte. Zwar hätte die Jury lieber auf Totschlag statt Mord entschieden, wurde vom Gericht aber belehrt, dass dies rechtlich nicht möglich sei, und fügte ihrem Urteil eine ausdrückliche Empfehlung zur Begnadigung hinzu.
Hinrichtung
Die Empfehlung blieb wirkungslos. Am Mittwoch, den 7. Juni 1922, wurde Henry Julius Jacoby im Gefängnis Pentonville durch den Henker John Ellis gehängt. Berichten zufolge blieb er bis zuletzt auffallend gefasst und bedankte sich noch bei den Gefängnisangestellten, bevor er zum Galgen geführt wurde. In der Öffentlichkeit sorgte der Fall für Empörung, weil zur gleichen Zeit ein wohlhabenderer Täter namens Ronald True, der eine Prostituierte ermordet hatte, wegen Unzurechnungsfähigkeit nach Broadmoor statt an den Galgen kam. Da er selbst unehelicher Sohn einer Prostituierten war, wurde sein Fall zum Symbol einer Justiz, die Arme härter bestrafte als Reiche.
Nachwirkungen
Der Fall geriet über Jahrzehnte in Vergessenheit, bis ihn eine britische Fernsehsendung 2022 erneut aufrollte. Zwei Anwälte und ein ehemaliger Richter kamen darin zu dem Schluss, das Urteil sei nach heutigen Maßstäben „nicht sicher” gewesen, unter anderem wegen der kurzen Beratungszeit der Jury und der ignorierten Gnadenempfehlung. Eine offizielle posthume Begnadigung erfolgte jedoch nie.