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Henriette Caillaux

Henriette Caillaux um 1915
Bain News Service, Library of Congress, via Wikimedia Commons · Public Domain
1
Opfer
verstorben
TotschlägerParis , Frankreich
Aktive Jahre
1914
Modus Operandi
Erschießen

Henriette Caillaux, geboren am 6. Dezember 1874, war die zweite Ehefrau des französischen Finanzministers Joseph Caillaux. Am 16. März 1914 erschoss sie in dessen Redaktionsbüro den Figaro-Chefredakteur Gaston Calmette. Ein Prozess in Paris endete noch im selben Jahr mit Freispruch, ein Ergebnis, das international für Aufsehen sorgte.

Werdegang

Über Henriettes frühes Leben ist wenig überliefert, sie verkehrte als Ehefrau eines der mächtigsten Männer Frankreichs in den einflussreichsten Kreisen der Dritten Republik. Joseph war zum Tatzeitpunkt Finanzminister und einer der profiliertesten Politiker des Landes, zugleich aber wegen seiner Steuerreformen und seiner als zu nachgiebig empfundenen Außenpolitik gegenüber Deutschland heftig umstritten.

Die Kampagne des Figaro

Gaston Calmette, 55 Jahre alt und Chefredakteur der einflussreichen Tageszeitung Le Figaro, führte im Frühjahr 1914 eine beispiellose Pressekampagne gegen Joseph Caillaux. Über mehrere Wochen erschienen mehr als hundert Artikel, Karikaturen und Anekdoten, die den Minister als Dieb und Verräter darstellten. Den Höhepunkt bildete der 13. März 1914: An diesem Tag druckte Le Figaro auf der Titelseite das Faksimile eines privaten Liebesbriefs, den Joseph Jahre zuvor, noch vor seiner Ehe mit Henriette, an eine damalige Geliebte geschrieben hatte. Henriette befürchtete, der Chefredakteur werde als Nächstes noch intimere Briefe aus ihrer eigenen Vergangenheit veröffentlichen, und sah darin eine Bedrohung für ihre gesellschaftliche Stellung und ihre Ehe.

Die Tat

Am Nachmittag des 16. März 1914 ließ sich Henriette in einem Pelzmantel bei Gaston Calmette in dessen Büro in der Figaro-Redaktion melden. Sie hatte eine Browning-Pistole in ihrem Muff versteckt. Nach einer kurzen Unterhaltung zog sie die Waffe und feuerte mehrere Schüsse in rascher Folge ab. Er brach zusammen und starb wenig später an den Folgen der Schussverletzungen im Unterleib.

Prozess

Der Prozess vor der Cour d’assises in Paris fand vom 21. bis 28. Juli 1914 statt, nur wenige Tage vor dem Beginn des Ersten Weltkriegs. Ihr Verteidiger Fernand Labori argumentierte, die Tat sei nicht geplant gewesen, sondern das Ergebnis einer für Frauen angeblich typischen, unkontrollierbaren Gefühlsaufwallung, ein sogenanntes „crime passionnel”. Neun Tage lang hörten die Geschworenen Zeugenaussagen, darunter auch die des amtierenden französischen Staatspräsidenten. Das ausschließlich aus Männern bestehende Geschworenengericht benötigte am 28. Juli 1914 weniger als eine Stunde, um Henriette für nicht schuldig zu befinden.

Nachwirkungen

Der Freispruch löste international Kritik aus und wurde vielfach als Beleg für eine Doppelmoral gedeutet, die Frauen aus vermögenden Kreisen bei Beziehungsdelikten weitgehend straffrei ausgehen ließ, ein Muster, das sich Jahrzehnte später in ganz ähnlicher Form beim Freispruch von Yvonne Chevallier wiederholte. Joseph musste wegen des Skandals als Finanzminister zurücktreten, blieb aber politisch aktiv. Henriette Caillaux starb 1943 in Paris.

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