Henri Girard
- Aktive Jahre
- 1912–1918
- Modus Operandi
- VergiftungBetrug
Henri Girard, 1875 in Elsass-Lothringen geboren, verdiente sich als selbsternannter Versicherungsmakler seinen Lebensunterhalt, indem er Bekannte ohne deren Wissen als Versicherte eintrug und sich selbst als Begünstigten einsetzte. Anschließend tötete er sie mit selbst gezüchteten Bakterien- oder Pilzgiften. 1921 starb er, vermutlich durch Suizid, in Untersuchungshaft, bevor sein Prozess überhaupt begann.
Werdegang
Nach einer Militärkarriere beim 4. Husarenregiment, aus der er 1897 unehrenhaft entlassen wurde, verdiente er sich seinen Unterhalt als Hochstapler mit illegalem Glücksspiel und Versicherungsbetrug. In einem heimlichen Labor im Haus seiner Geliebten in Neuilly-sur-Seine züchtete er Kulturen von Typhus- und Tetanusbazillen und experimentierte mit Muscarin aus Fliegenpilzen sowie mit Strychnin und Kaliumzyanid. Seine Bibliothek enthielt Fachliteratur zu Toxikologie und Gerichtsmedizin. Während des Ersten Weltkriegs blieb er der Front fern, er war dem Automobildienst des Pariser Lagers zugeteilt.
Die Taten
In Montreuil-sous-Bois gewann er das Vertrauen von Louis Pernotte, indem er ihm Geld lieh, und drängte ihn dazu, gleich zwei Lebensversicherungen abzuschließen, eine über 125.000 und eine über 85.000 Francs, mit sich selbst als Begünstigtem. Im Sommer 1912 erkrankte Louis nach einer Injektion mit Typhusbazillen und starb am 1. Dezember desselben Jahres. Am 30. April 1918 servierte er einer jungen Witwe, die er zuvor in einem Pariser Restaurant kennengelernt hatte, bei einem Aperitif Gift aus Knollenblätterpilzen. Sie war kurz zuvor auf sein Betreiben mit 20.000 Francs versichert worden und starb noch in derselben Nacht an den Folgen der Vergiftung. Mehrere weitere Zielpersonen überlebten seine Anschläge.
Ermittlung und Festnahme
Die Versicherungsgesellschaft Phénix schöpfte Verdacht, weil die Police der Witwe erst drei Wochen vor ihrem Tod abgeschlossen worden war, und erstattete im Juli 1918 Anzeige, weitere Versicherer schlossen sich an. Im August 1918 wurden er und seine Komplizin Jeanne Drouhin festgenommen, die ihn während der Untersuchungshaft heiratete und für ihre Beteiligung später zu lebenslanger Zwangsarbeit verurteilt wurde. Bei Durchsuchungen fanden Ermittler ein improvisiertes bakteriologisches Labor sowie ein Tagebuch mit verschlüsselten Notizen zu Tatterminen. Die Untersuchung unter dem Ermittlungsrichter Gabriel Bonin zog sich über rund 32 Monate hin.
Tod vor dem Prozess
Im Mai 1921 starb Henri Girard, ohne dass es zu seinem Prozess gekommen wäre. Nach überwiegender Quellenlage schluckte er eine ins Gefängnis Fresnes geschmuggelte Bakterienkultur, um sich der Hauptverhandlung zu entziehen, andere zeitgenössische Berichte sprachen dagegen von einem natürlichen Tod durch Tuberkulose. Die Presse verglich ihn seinerzeit mit dem berüchtigten Serienmörder Henri Désiré Landru, hob aber seinen wissenschaftlichen Ansatz hervor und bezeichnete ihn als „le premier tueur bactériologique”, den ersten bakteriologischen Mörder Frankreichs.