Harvey Carignan
- Serienmörder — Anchorage , USA
- Aktive Jahre
- 1949–1974
- Modus Operandi
- ErwürgenVortäuschung von Hilfsbedürftigkeit
Ein unzulässig erlangtes Geständnis bewahrte Harvey Carignan 1951 vor dem Galgen, doch nicht vor weiteren Jahrzehnten der Gewalt. Das Bundesberufungsgericht hob das erste Todesurteil auf; später verurteilten Gerichte in Minnesota ihn wegen der Tötungen von Eileen Hunley und Katherine Schultz. Ein regionalhistorischer Bericht des Duluth News Tribune rekonstruiert die Verbindung zwischen dem aufgehobenen Urteil und den späteren Morden, die Entscheidung des Minnesota Supreme Court belegt außerdem einen überlebten Angriff aus derselben Tatphase.
Werdegang
Geboren wurde er am 18. Mai 1927 in Fargo, North Dakota, als Sohn einer damals zwanzigjährigen, unverheirateten Mutter. Seine Kindheit verbrachte er zeitweise bei Verwandten, bevor er im Alter von etwa elf Jahren wegen Verhaltensauffälligkeiten in eine Besserungsanstalt in Mandan, North Dakota, eingewiesen wurde. Mit 18 Jahren trat er in die US-Armee ein und wurde nach Anchorage, Alaska, versetzt, wo er auf dem Militärstützpunkt Fort Richardson stationiert war. Schon vor seiner ersten Mordtat fiel er wiederholt durch Raubdelikte, Körperverletzung und andere Straftaten auf.
Am 31. Juli 1949 vergewaltigte und erschlug er die 57 Jahre alte Laura Showalter in Anchorage mit stumpfer Gewalt gegen den Kopf, mutmaßlich mit einem Hammer. Ihre Leiche wurde auf einem unbebauten Grundstück gefunden. Rund sieben Wochen später, am 16. September 1949, versuchte er, eine weitere Frau namens Christine Norton zu vergewaltigen. Sie konnte ihn identifizieren, woraufhin ihn die Polizei festnahm und er ein schriftliches Geständnis für den Mord an Laura Showalter ablegte. Ein Gericht verurteilte ihn wegen Mordes ersten Grades zum Tode durch den Strang. 1951 hob der Oberste Gerichtshof von Alaska das Urteil jedoch auf, weil das Geständnis unter unzulässigem Druck zustande gekommen war, ein Vernehmungsbeamter hatte ihm zugesichert, bei einem Geständnis nicht hingerichtet zu werden. Die Mordanklage wurde daraufhin fallengelassen, er saß aber wegen des versuchten Übergriffs auf Christine Norton eine Haftstrafe ab, unter anderem im berüchtigten Bundesgefängnis Alcatraz. 1960 kam er auf Bewährung frei.
In den folgenden Jahren pendelte er wiederholt zwischen Freiheit und Haft. 1961 wurde er gemeinsam mit seinem Bruder Clinton wegen eines Einbruchs in Minnesota festgenommen und verbrachte deswegen vier weitere Jahre im Bundesgefängnis Leavenworth. Im November 1964 folgte in Washington eine erneute Festnahme wegen Einbruchs, die eine fünfzehnjährige Haftstrafe nach sich zog. 1968 kam er wieder frei, saß aber wegen eines Bewährungsverstoßes noch ein weiteres Jahr ab. Nach seiner Entlassung 1969 heiratete er eine verwitwete Frau aus Seattle und wirkte nach außen resozialisiert, während er nachts durch Wohnviertel fuhr und erneut Frauen überfiel.
Kriminelle Aktivitäten
Ab den frühen 1970er-Jahren tötete er erneut, diesmal in Washington und Minnesota. Sein Vorgehen gab ihm den Beinamen „Want-Ad Killer”: Er schaltete Kleinanzeigen für angebliche Stellen, etwa an einer Tankstelle, oder sprach Anhalterinnen an, um Frauen in sein Fahrzeug zu locken. Anschließend vergewaltigte er sie und erschlug sie meist mit einem Hammer. Gerichtlich belegt sind aus der gesamten Serie drei Tötungen: das zunächst gestandene, wegen des unzulässig erlangten Geständnisses später nicht erneut verfolgte Verbrechen an Laura Showalter sowie die Schuldsprüche in den Fällen Eileen Hunley und Katherine Schultz. Zwei weitere Taten ließen sich ihm nie gerichtsfest nachweisen, obwohl Ermittler ihn dafür verantwortlich machten. Bei seiner Festnahme fanden Ermittler zudem Straßenkarten mit über hundert rot markierten Orten, von denen einige mit ungeklärten Vermisstenfällen und Morden in Verbindung gebracht wurden, ohne dass sich daraus weitere Anklagen ergaben.
Namentlich bekannte Opfer (chronologisch, soweit rekonstruierbar):
- Laura Showalter (57), erschlagen am 31. Juli 1949 in Anchorage, Alaska
- Laura Leslie Brock (19), tot aufgefunden am 15. Oktober 1972 in Washington, mehrere Schläge gegen den Kopf. Eine Zeugin will sie zuvor in seinem Fahrzeug gesehen haben, eine Anklage kam mangels Beweisen nie zustande
- Kathy Sue Miller (15), gelockt durch eine Stellenanzeige für eine Tankstelle nahe eines Indianerreservats bei Everett, Washington, am 1. Mai 1973, vergewaltigt und mit einem Hammer erschlagen. Die Leiche wurde erst Monate später gefunden, ebenfalls ohne spätere Anklage
- Eileen Hunley (29), verschwand am 10. August 1974 in Minnesota, einen Tag nachdem sie sich von ihm getrennt hatte. Ihre Leiche mit eingeschlagenem Schädel wurde rund fünf Wochen später gefunden
- Katherine Schultz (18), verschwand am 20. September 1974 in Minnesota und wurde am Folgetag tot in einem Maisfeld gefunden, erschlagen mit einem Hammer
Daneben überlebten mehrere Frauen seine Angriffe und sagten später als Zeuginnen gegen ihn aus, darunter die 13 Jahre alte Anhalterin Jerri Billings im September 1973 in Minnesota sowie im September 1974 Gwen Burton, die er auf einem Parkplatz überfiel, und die Teenagerinnen Sally Versoi und Diane Flynn, denen während eines Tankstopps die Flucht gelang.
Ermittlung und Festnahme
Die überlebenden Opfer aus dem Herbst 1974, allen voran Gwen Burton, Sally Versoi und Diane Flynn, lieferten der Polizei entscheidende Beschreibungen von Täter und Fahrzeug. Am 24. September 1974 nahmen Ermittler ihn in Minnesota fest, wenige Tage nachdem Katherine Schultz tot aufgefunden worden war. Zunächst lauteten die Vorwürfe auf versuchten Mord und schweren sexuellen Missbrauch im Zusammenhang mit den überlebenden Zeuginnen, im weiteren Verlauf kamen die Mordvorwürfe wegen der Tötungen von Eileen Hunley und Katherine Schultz hinzu.
Prozess
Vor Gericht plädierte er 1975 auf Unzurechnungsfähigkeit und erklärte, Gott habe ihm befohlen, „Huren und Dirnen” zu töten. Ein psychiatrisches Gutachten attestierte ihm stattdessen eine dissoziale Persönlichkeitsstörung, schuldunfähig war er demnach nicht. Für sexuelle Nötigung, unzüchtige Handlungen und mehrere Fälle schweren sexuellen Missbrauchs erhielt er zunächst eine Strafe von 60 Jahren. Im Fall Katherine Schultz bekannte er sich des Totschlags zweiten Grades schuldig und wurde zu 40 Jahren verurteilt, im Fall Eileen Hunley sprach ihn ein Gericht des Mordes ersten Grades schuldig und verhängte lebenslange Haft. In der Summe belief sich seine Strafe auf rund 150 Jahre Haft.
Nachwirkungen
Harvey Carignan verbrachte den Rest seines Lebens in Haft und wurde nie auf Bewährung entlassen. Er starb am 6. März 2023 im Alter von 95 Jahren in der Justizvollzugsanstalt Oak Park Heights in Minnesota, wo er zuletzt inhaftiert war. Sein Fall gilt als Beispiel dafür, wie ein Verfahrensfehler bei einem frühen Todesurteil einem Täter Jahrzehnte später weitere Morde ermöglichte, und wie unauffällig ein verurteilter Mörder nach seiner Entlassung ein bürgerliches Leben vortäuschen konnte.