Harry Dobkin
- Aktive Jahre
- 1941
- Modus Operandi
- ErwürgenZerstückelung
Im Juli 1942 stieß ein Bauarbeiter beim Abriss einer ausgebombten Londoner Kapelle auf eine mumifizierte Leiche unter einer Steinplatte. Die naheliegende Erklärung: ein weiteres Opfer der deutschen Luftangriffe, wie es während des Blitz Hunderte gab. Doch ein aufmerksamer Pathologe erkannte, dass der Kopf absichtlich vom Rumpf getrennt worden war, und legte damit die Spur zu einem Mann frei, der den Krieg als Deckmantel für einen ganz gewöhnlichen Mord an seiner Frau genutzt hatte: Harry Dobkin.
Werdegang
Harry Dobkin wurde 1901 in London geboren und arbeitete nach der Schule zunächst im Tuchhandel, später unter anderem als Schneider, Schiffssteward und Koch. 1920 heiratete er Rachel Dubinski, vermittelt durch einen traditionellen jüdischen Heiratsvermittler. Die Ehe hielt keine drei Tage, dennoch kam neun Monate später ein gemeinsamer Sohn zur Welt. Rachel erwirkte 1923 einen Unterhaltsbeschluss gegen ihn, dem er nur unregelmäßig nachkam. In den folgenden Jahren saß Harry Dobkin deswegen mehrfach kurze Haftstrafen ab, während Rachel ihn wiederholt, aber erfolglos wegen Körperverletzung anzeigte. Nach Kriegsbeginn fand er Arbeit als Brandwache für eine Anwaltskanzlei in der Vauxhall Road in Kennington, direkt neben einer Baptistenkapelle.
Die Tat
Während der Bombenangriffe auf London bemerkte Harry Dobkin, wie viele Menschen bei Luftangriffen starben und wie selten die überlastete Polizei jeden einzelnen Todesfall untersuchte. Am Karfreitag, dem 11. April 1941, traf er sich mit Rachel in einem Café in Shoreditch. Gegen 18:30 Uhr verließen beide das Lokal, angeblich um einen Bus zu ihrer Mutter zu nehmen. Rachel wurde nie wieder lebend gesehen. Tatsächlich erwürgte er sie und vergrub die Leiche im Keller der bereits bombenbeschädigten Kapelle neben seinem Arbeitsplatz, in der Hoffnung, sie werde für ein Luftkriegsopfer gehalten. Um die Identifizierung zusätzlich zu erschweren, trennte er den Kopf vom Rumpf, entfernte den Unterkiefer und Fleisch aus dem Gesicht und bedeckte die Leiche mit Baukalk, in dem irrigen Glauben, dieser würde den Körper zersetzen. Tatsächlich bewirkte der falsche Kalktyp fast das Gegenteil und half, die Leiche über Monate zu konservieren.
Ermittlung
Rachels Schwester meldete sie bereits am Tag nach ihrem Verschwinden vermisst und belastete dabei sofort Harry Dobkin. Kriegsbedingt wurde er erst am 16. April erstmals befragt, ohne dass die Ermittlungen zunächst zu einem Ergebnis führten. Erst als am 17. Juli 1942 die Leiche entdeckt wurde, kam Bewegung in den Fall. Pathologe Dr. Keith Simpson stellte fest, dass der Kopf bereits vor der Untersuchung gelöst worden war, die Gliedmaßen an Ellbogen und Knien durchtrennt waren und Teile der Knochen angesengt worden waren, eindeutige Hinweise auf eine gewaltsame Manipulation der Leiche statt eines simplen Bombenopfers. Ein Blutgerinnsel im Kehlkopf deutete zudem auf Tod durch Erwürgen hin. Da die Polizei zu dieser Zeit ohnehin Vermisstenlisten mit Rachel Dobkins Verschwinden abglich, ließ sich die Spur schnell zu ihr zurückverfolgen: Alter, Körpergröße, graues Haar und ein bekannter gutartiger Tumor passten exakt. Ihr Zahnarzt konnte anhand seiner Unterlagen den Oberkiefer eindeutig zuordnen. Den letzten Beweis lieferte Fotografie-Expertin Mary Newman vom Guy’s Hospital, die eine Aufnahme von Rachels Schädel über ein Porträtfoto von ihr legte, eine Methode, die sechs Jahre zuvor im berühmten Fall Buck Ruxton erstmals eingesetzt worden war. Die Übereinstimmung war eindeutig. Am 26. August 1942 wurde Harry Dobkin schließlich zum Kellergewölbe der Kapelle befragt, bestritt jede Beteiligung und wurde noch am selben Tag verhaftet.
Prozess
Der Prozess gegen Harry Dobkin begann am 17. November 1942 am Old Bailey unter Richter Mr. Justice Wrottesley. Sein Verteidiger konzentrierte sich weitgehend darauf, die forensische Identifizierung der Leiche anzugreifen, konnte die Jury damit aber nicht überzeugen. Sein eigener Auftritt im Zeugenstand hinterließ zusätzlich einen schlechten Eindruck. Nach nur zwanzig Minuten Beratung sprach die Jury ihn des Mordes schuldig. Vor seiner Hinrichtung gestand er die Tat und gab an, er habe seine Frau loswerden wollen, weil sie ihn ständig wegen Geld bedrängt habe.
Nachwirkungen
Harry Dobkin wurde am 7. Januar 1943 im Wandsworth Prison gehängt. Der Fall gilt bis heute als Meilenstein der forensischen Pathologie, weil er zeigte, wie präzise sich eine Leichenidentifizierung auch unter widrigsten Bedingungen führen ließ, und warf zugleich die unbequeme Frage auf, wie viele weitere Morde während des Zweiten Weltkriegs unerkannt unter den Trümmern bombardierter Städte begraben liegen könnten.