Harold Jones
- Aktive Jahre
- 1921
- Modus Operandi
- ErwürgenVergewaltigungStumpfe Gewalt
Ein 15-jähriger Verkäufer wird des Mordes an einem achtjährigen Mädchen angeklagt und freigesprochen. Die Kleinstadt feiert ihn als unschuldig Verdächtigten, schenkt ihm eine goldene Taschenuhr. Siebzehn Tage später ist eine weitere Elfjährige tot, auf seinem eigenen Dachboden versteckt. Der Fall Harold Jones aus dem walisischen Bergarbeiterstädtchen Abertillery zählt zu den frühesten dokumentierten Fällen eines minderjährigen Serienmörders in Großbritannien, und seine Geschichte endet damit noch lange nicht: Jahrzehnte nach seinem Tod vermuten Ermittler und Autoren, er könnte auch für eine Serie ungeklärter Frauenmorde im London der 1960er Jahre verantwortlich gewesen sein.
Werdegang
Harold Jones wurde am 11. Januar 1906 in Abertillery in der südwalisischen Grafschaft Monmouthshire geboren, als ältestes von vier Kindern einer einfachen Familie. In der Schule galt er als beliebter, vorbildlicher Schüler mit sportlichem Talent, spielte Orgel in der Kirche und boxte in seiner Freizeit. Mit 14 Jahren begann er als Verkaufsgehilfe bei einem Geschäft namens Mortimer’s Stores zu arbeiten und wurde dort für seine Zuverlässigkeit gelobt.
Der erste Mord: Freda Burnell
Am 5. Februar 1921 schickte man die achtjährige Freda Burnell in Mortimer’s Stores, um Vogelfutter zu kaufen. Er lockte sie in einen nahen Lagerschuppen, missbrauchte sie sexuell und tötete sie durch eine Kombination aus Kopfverletzungen und Erwürgen mit einer Schnur. Ihre Leiche fand man am nächsten Morgen in einem Sack in einer Gasse, geknebelt und gefesselt. Ermittler entdeckten im Lagerschuppen ein Taschentuch des Mädchens sowie eine blutverschmierte Axtgriffstange, beides führte direkt zu ihm, da nur er und die Ladenbesitzer Zugang zu dem Schuppen hatten.
Freispruch und öffentlicher Jubel
Beim Prozess vor den Monmouthshire Assizes am 21. Juni 1921 sprach die Jury ihn nach mehr als fünf Stunden Beratung einstimmig frei, die Öffentlichkeit hielt es für undenkbar, dass ein 15-Jähriger zu einer solchen Tat fähig sei. Sein Arbeitgeber lieferte ihm ein Alibi, seine Eltern bezeugten seinen guten Charakter. Nach dem Freispruch wurde er in Abertillery wie ein Held empfangen und erhielt eine goldene Taschenuhr als Geschenk.
Der zweite Mord: Florence Little
Nur 17 Tage nach dem Freispruch, am 8. Juli 1921, lockte er die elfjährige Nachbarin Florence Little unter einem Vorwand in sein eigenes Elternhaus. Dort würgte er sie, schlug mit einem Holzbrett auf ihren Kopf ein und durchschnitt ihr mit dem Taschenmesser seines Vaters die Kehle. Er versteckte die Leiche auf dem Dachboden und beteiligte sich anschließend scheinheilig an der Suche nach dem vermissten Mädchen. Als sein eigener Vater am folgenden Morgen mit Zustimmung der Polizei das Haus durchsuchte, fand man die Leiche auf dem Dachboden.
Zweiter Prozess
Diesmal gestand er beide Morde in handschriftlichen Erklärungen, als Motiv nannte er schlicht das „Verlangen zu töten”. Der zweite Prozess am 1. November 1921 dauerte nur eine Stunde. Weil er zum Tatzeitpunkt unter 16 Jahre alt war, konnte er nicht hingerichtet werden, das Gericht verurteilte ihn stattdessen zu zeitlich unbefristeter Verwahrung „nach dem Wohlwollen Seiner Majestät”.
Haft, Freilassung und Tod
Er verbüßte rund 20 Jahre seiner Strafe, zunächst im Gefängnis von Usk, später in Wandsworth. Entgegen der Empfehlung der zuständigen Ärzte wurde er am 6. Dezember 1941 im Alter von 35 Jahren auf Bewährung entlassen. Anschließend trat er der britischen Armee bei und diente im Zweiten Weltkrieg in Nordafrika. Nach dem Krieg zog er unter dem Namen „Harry Stevens” nach Fulham in London, heiratete und bekam ein Kind. Am 2. Januar 1971 starb er mit 64 Jahren an Knochenkrebs, kurz zuvor hatte er seine Frau gebeten, seinen echten Namen auf dem Totenschein eintragen zu lassen.
Die Theorie vom späteren Serienmörder
Mehrere Kriminologen und Autoren vermuten, dass er als Erwachsener für die Taten des bis heute nicht identifizierten „Jack the Stripper” verantwortlich gewesen sein könnte, jene Serie ungeklärter Morde an Prostituierten im Westlondon der Jahre 1964 und 1965. Zu Lebzeiten geriet er nie unter Verdacht, diese Theorie entstand erst nach seinem Tod. 2018 widmete die BBC dem Fall die 90-minütige Dokumentation „Dark Son: The Hunt for a Serial Killer” mit dem Kriminologen David Wilson, ein endgültiger Beweis für seine Beteiligung an den späteren Morden steht bis heute aus.