← Zum Verzeichnis

Hans-Jürgen Rösner

Busbahnhof Bremen-Huckelriede mit dem Gedenkstein für die Todesopfer der Geiselnahme von Gladbeck am rechten Bildrand
Wikimedia Commons / Onkel Dittmeyer · CC BY-SA 4.0
1
Opfer
inhaftiert
Mörder — Gladbeck , Deutschland
Aktive Jahre
1988

Reporter standen nur wenige Schritte entfernt, als Hans-Jürgen Rösner einer Geisel eine Pistole an den Kopf hielt. Was am 16. August 1988 als Banküberfall in Gladbeck begann, entwickelte sich vor laufenden Kameras zu einer 54-stündigen Geiselnahme. Am Ende wurde die 18-jährige Silke Bischoff durch einen Schuss aus seiner Waffe tödlich getroffen.

Haft, Flucht und der Plan für den Bankraub

Hans-Jürgen Rösner wurde 1957 in Gladbeck geboren. Schon vor 1988 hatte er zahlreiche Straftaten begangen und mehrere Haftstrafen verbüßt. Im August 1986 kehrte er nach einem Hafturlaub nicht in die Justizvollzugsanstalt zurück. Obwohl die Polizei Hinweise auf seinen Aufenthaltsort erhielt, blieb er fast zwei Jahre auf der Flucht.

Gemeinsam mit seinem Bekannten Dieter Degowski plante er den Überfall auf eine Filiale der Deutschen Bank im Gladbecker Stadtteil Rentfort. Beide Männer waren bewaffnet. Der Plan scheiterte bereits am Morgen des 16. August: Eine Polizeistreife bemerkte den Überfall, bevor die Männer mit dem Geld fliehen konnten.

Aus dem Banküberfall wird eine Geiselnahme

Hans-Jürgen Rösner und Dieter Degowski nahmen zwei Bankangestellte als Geiseln. Sie forderten Lösegeld und einen Fluchtwagen. Nachdem die Polizei beides bereitgestellt hatte, begann eine Fahrt durch Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen, Bremen und die Niederlande. Später schloss sich Marion Löblich, die damalige Freundin von Hans-Jürgen Rösner, den Männern an.

Am 17. August kaperten die Täter am Busbahnhof Bremen-Huckelriede einen Linienbus mit mehr als 30 Insassen. An der Raststätte Grundbergsee nahm die Polizei Marion Löblich vorübergehend fest. Dieter Degowski schoss dem 14-jährigen Emanuele De Giorgi in den Kopf. Der Jugendliche starb später im Krankenhaus. Der WDR zeichnet in seinem zeitgeschichtlichen Archiv nach, wie sich polizeiliche Fehlentscheidungen und fehlende Absprachen während der Flucht häuften.

Täter, Geiseln und Reporter in Köln

Am folgenden Tag erreichte der Fluchtwagen die Kölner Innenstadt. Dort umringten Reporter, Fotografen und Schaulustige das Fahrzeug. Journalisten führten Interviews mit den bewaffneten Männern und fotografierten die bedrohten Geiseln aus nächster Nähe. Ein Reporter stieg sogar in das Auto und lotste die Gruppe aus Köln heraus.

Die Nähe der Presse verwischte die Grenze zwischen Beobachtung und Beteiligung. Sie erschwerte zugleich den Zugriff der Polizei. Die Bilder machten Hans-Jürgen Rösner und Dieter Degowski schon während der laufenden Tat bundesweit bekannt, während Silke Bischoff und Ines Voitle im Wagen weiter um ihr Leben fürchteten.

Der tödliche Zugriff auf der Autobahn

Am Nachmittag des 18. August stoppte ein Spezialeinsatzkommando den Wagen auf der Autobahn 3 bei Bad Honnef. Beim Zugriff fielen Schüsse. Silke Bischoff wurde tödlich getroffen, Ines Voitle schwer verletzt. Das vollständige Urteil des Landgerichts Essen ordnete den tödlichen Schuss der Waffe von Hans-Jürgen Rösner zu. Er bestritt, gezielt auf die junge Frau geschossen zu haben.

Der Zugriff beendete die Geiselnahme nach rund 54 Stunden. Neben Emanuele De Giorgi und Silke Bischoff starb auch der Bremer Polizist Ingo Hagen. Er verunglückte während der Verfolgung tödlich mit einem Polizeifahrzeug.

Urteil und Haft

Am 22. März 1991 verurteilte das Landgericht Essen Hans-Jürgen Rösner zu lebenslanger Haft und ordnete anschließende Sicherungsverwahrung an. Das Gericht sprach ihn unter anderem wegen erpresserischen Menschenraubs und Geiselnahme mit Todesfolge, versuchten Mordes und schwerer räuberischer Erpressung schuldig. Auch seine Beteiligung an der Tötung von Emanuele De Giorgi floss in das Urteil ein.

Hans-Jürgen Rösner blieb auch nach Ablauf der Mindestverbüßungszeit in Haft. 2009 erhielt er wegen Heroinbesitzes in seiner Zelle eine weitere Freiheitsstrafe. Spätere Lockerungen änderten nichts daran, dass eine Entlassung wegen der angeordneten Sicherungsverwahrung von einer günstigen Gefährlichkeitsprognose abhängt.

Nachwirkungen

Die Geiselnahme von Gladbeck wurde zu einer Zäsur für Polizei und Presse. Untersuchungsausschüsse befassten sich mit den versäumten Zugriffsmöglichkeiten und der mangelnden Koordination der Behörden. Der Deutsche Presserat erläutert in seinem Pressekodex, dass Interviews mit Tätern während laufender Verbrechen grundsätzlich nicht geführt werden sollen.

Der Fall bleibt vor allem eine Geschichte über die Menschen, die getötet, verletzt und öffentlich vorgeführt wurden. Der Gedenkstein am Busbahnhof Bremen-Huckelriede erinnert an Emanuele De Giorgi, Silke Bischoff und Ingo Hagen.

Die Schlagzeile zum Ende der Geiselnahme, die Story 54 Stunden vor laufenden Kameras und der Wissensartikel Geiselnahmen und Presse ordnen den Ablauf und seine Folgen ein.

Mehr zum Fall

Werbung · Affiliate-Links