Frederick Bywaters
- Aktive Jahre
- 1922
- Modus Operandi
- Erstechen
Zwei Menschen starben am selben Morgen des 9. Januar 1923 am Galgen, obwohl nur einer von ihnen jemals ein Messer in der Hand gehalten hatte. Frederick Bywaters, ein 20-jähriger Schiffsoffizier der Handelsmarine, hatte im Oktober 1922 den Ehemann seiner Geliebten erstochen. Verurteilt und gehängt wurde neben ihm auch die Frau selbst, obwohl sie an der eigentlichen Tat unbeteiligt war und ihr einziges Verbrechen in Liebesbriefen bestand, die vor Gericht gegen sie verwendet wurden.
Werdegang
Frederick Edward Francis Bywaters wurde am 27. Juni 1902 geboren und arbeitete als Zimmermann und später als Steuermann bei der Reederei P&O. Er lernte Edith Thompson, acht Jahre älter als er und als leitende Einkäuferin bei einem Londoner Modehaus finanziell deutlich erfolgreicher, über ihre Familie kennen. 1920 zog er zeitweise als Untermieter bei ihr und ihrem Ehemann Percy Thompson im Osten Londons ein, aus der Bekanntschaft wurde bald eine heimliche Affäre.
Die Tat
Am Abend des 3. Oktober 1922 kehrten Percy und Edith Thompson vom Theater nach Ilford heim. In der Nähe ihres Hauses lauerte er dem Paar auf, stieß Edith beiseite und stach mehrfach auf Percy ein. Nachbarn hörten Edith rufen: „Oh don’t!“ Percy Thompson starb noch an Ort und Stelle oder kurz danach an seinen Verletzungen. Er flüchtete zunächst, eine Nachbarin gab der Polizei jedoch einen entscheidenden Hinweis auf seinen Aufenthaltsort, sodass er bereits am folgenden Tag festgenommen wurde und die Tat gestand.
Ermittlung und die Liebesbriefe
Bei der Durchsuchung seiner Unterkunft fanden Ermittler über sechzig Briefe, die Edith Thompson ihm über die Monate der Affäre geschrieben hatte. Darin fantasierte sie zuweilen davon, ihren Ehemann loszuwerden, unter anderem erwähnte sie zerstoßenes Glas, das sie angeblich unter sein Essen gemischt habe, und Gift. Die gerichtsmedizinische Untersuchung fand jedoch weder Glassplitter noch Giftspuren in Percy Thompsons Leichnam, die Briefe blieben damit reine literarische Fantasien ohne belegten Bezug zur echten Tat.
Prozess und Hinrichtung
Der Prozess am Old Bailey begann am 6. Dezember 1922. Frederick Bywaters bestand während der gesamten Verhandlung darauf, dass Edith Thompson von seinem Plan nichts gewusst habe. Die Anklage stützte sich fast ausschließlich auf die private Korrespondenz der beiden, um ihr eine Mitwisserschaft und moralische Anstiftung zu unterstellen. Nach gut zwei Stunden Beratung sprachen die Geschworenen beide Angeklagten des Mordes schuldig, das Gericht verhängte gegen beide die Todesstrafe. Sie wurden am 9. Januar 1923 zur exakt gleichen Uhrzeit hingerichtet, er in Pentonville, sie keinen Kilometer entfernt in Holloway.
Nachwirkungen
Der Fall gilt bis heute als eines der umstrittensten Todesurteile der britischen Rechtsgeschichte. Kommentatoren wie der Jurist Lewis Broad warfen dem vorsitzenden Richter vor, die Geschworenen durch die Betonung von Edith Thompsons Ehebruch gezielt gegen sie eingenommen zu haben, statt sich an handfeste Beweise zu halten. Die britische Criminal Cases Review Commission nahm den Fall 2023 erneut als möglichen Justizirrtum unter die Lupe. Edith Thompsons sterbliche Überreste wurden 2018 neben denen ihrer Eltern umgebettet, während Frederick Bywaters selbst, der Einzige der beiden, der tatsächlich einen Menschen getötet hatte, in der öffentlichen Erinnerung heute oft hinter der Kontroverse um seine Mitverurteilte zurücktritt.