Florence Rey
- Aktive Jahre
- 1994
- Modus Operandi
- ErschießenGeiselnahmeKomplizen
Florence Rey wurde am 27. August 1975 im französischen Argenteuil geboren. In der Nacht vom 4. auf den 5. Oktober 1994 lösten die damals 19-Jährige und ihr Freund Audry Maupin in Paris nach einem missglückten Waffendiebstahl eine der folgenreichsten Verfolgungsjagden der jüngeren französischen Kriminalgeschichte aus. Innerhalb weniger Minuten starben ein Taxifahrer, drei Polizisten und Maupin selbst.
Werdegang
Florence wuchs in einem katholischen Elternhaus auf, äußerlich unauffällig, von Mitschülern als sanft, hilfsbereit und schüchtern beschrieben. Im Hintergrund stand jedoch die verschwiegene Schizophrenie-Erkrankung ihres Vaters, die das Familienleben prägte. Nach der Schule begann sie 1993 ein Medizinstudium, wechselte aber bald zu Literaturwissenschaften an der Universität Nanterre.
Dort lernte sie im Rahmen der Proteste gegen den umstrittenen “Contrat d’insertion professionnelle” (CIP), eine geplante Arbeitsmarktreform für Berufseinsteiger, den Philosophiestudenten Audry Maupin kennen, geboren 1972 in einer Arbeiterfamilie in Houilles. Maupin las Bakunin, Nietzsche und Guy Debord, engagierte sich in anarchistischen und antifaschistischen Gruppen und träumte von einem neuen Mai 1968. Nach dem Ende der Studentenproteste radikalisierte er sich zunehmend, brach sein Studium ab und zog sich mit Florence in ein besetztes Haus in Nanterre zurück. Die beiden führten nach Aussagen von Angehörigen eine sehr enge, fast symbiotische Beziehung, in der Florence sich Audry kaum widersetzen konnte.
Im Mai 1994 lernte das Paar bei einer weiteren Demonstration einen gewissen Abdelhakim Dekhar kennen, einen 28-Jährigen aus der autonomen Szene, der in seinem Umfeld als notorischer Aufschneider galt und später behauptete, für einen ausländischen Geheimdienst gearbeitet zu haben.
Die Tat vom 4. Oktober 1994
Im Sommer 1994 kauften Dekhar und später Florence, unter falschem Namen mit einem gefälschten Pass, zwei Schrotflinten in einem Pariser Kaufhaus. Am Abend des 4. Oktober fuhren Florence und Audry mit den Waffen, Munition und Sturmhauben in einer Sporttasche zu einem Fuhrpark der Polizei am Rand von Pantin, um Handschellen und Dienstwaffen zu erbeuten. Sie überwältigten die Wachleute, ein Zeuge bemerkte eine dritte Person, vermutlich Dekhar, der sofort floh. Aus Angst, bereits enttarnt zu sein, ergriffen auch Florence und Audry die Flucht.
An einer roten Ampel am Boulevard Périphérique zwangen sie den Taxifahrer Amadou Diallo, einen 49-jährigen Familienvater, sowie dessen Fahrgast zur Weiterfahrt. Der Taxifahrer lenkte den Wagen bewusst in einen an der Kreuzung Place de la Nation wartenden Streifenwagen, um auf sich aufmerksam zu machen. In der folgenden Schießerei erschoss Audry aus nächster Nähe den Polizisten Thierry Maymard und traf den Polizisten Laurent Gérard tödlich in den Rücken, außerdem wurde Amadou Diallo selbst bei der Flucht aus dem Taxi erschossen. Auch Florence feuerte während des Gefechts, kniend am Boden nachladend. Zwei Passanten wurden von Querschlägern verletzt.
Das Paar zwang anschließend die Insassen eines vorbeifahrenden Wagens, sie weiterzufahren, und lieferte sich bei der folgenden Verfolgungsjagd durch Paris einen weiteren Schusswechsel mit einem Motorradpolizisten. An einer Straßensperre bei der Route de Gravelle im Bois de Vincennes kam der Fluchtwagen zum Stehen. Der herannahende Polizist Guy Jacob wurde sowohl von Audry als auch von Florence beschossen und starb an seinen Verletzungen. Ein weiterer Polizist eröffnete daraufhin das Feuer auf Audry, der schwer getroffen zusammenbrach. Florence legte sich neben ihn und ließ sich widerstandslos festnehmen. Audry Maupin starb am folgenden Tag im Krankenhaus, ohne das Bewusstsein wiedererlangt zu haben.
Insgesamt starben bei der Tat vier Menschen: der Taxifahrer Amadou Diallo sowie die Polizisten Thierry Maymard, Laurent Gérard und Guy Jacob. Nach den ballistischen Gutachten ließ sich nicht in jedem Fall zweifelsfrei klären, wessen Schuss welchen Beamten traf, das Gericht sah Florence später als Mittäterin mindestens eines Mordes und als Komplizin bei den übrigen.
Festnahme und Prozess
Nach der Festnahme verfiel Florence in einen tagelangen Schockzustand, mehr als zehn Stunden lang nannte sie nicht einmal ihren Namen. Der Fall entwickelte sofort erhebliche politische Sprengkraft: Rechte Politiker forderten öffentlich die Wiedereinführung der Todesstrafe, die Regierung kündigte eine Verschärfung der Sicherheitsgesetze an, die tatsächlich im Januar 1995 folgte.
Der Prozess vor dem Schwurgericht der Seine begann am 17. September 1998. Die Anklage warf Florence Mittäterschaft am Mord vor, die Verteidigung unter Maître Henri Leclerc argumentierte, sie sei ein von Audry emotional völlig abhängiges, junges Mädchen gewesen, das ihm blind gefolgt sei, ohne die Tragweite der Ereignisse zu begreifen. Am 30. September 1998 wurde Florence Rey zu 20 Jahren Haft verurteilt, außerdem zur Zahlung von rund 2,35 Millionen Francs Entschädigung an die Nebenkläger. Der mutmaßliche dritte Mann, Abdelhakim Dekhar, wurde wegen der Zugehörigkeit zu einer kriminellen Vereinigung zu vier Jahren Haft verurteilt, vom Vorwurf des bewaffneten Diebstahls am Fuhrpark aber freigesprochen.
Nachwirkungen
Florence Rey verbüßte ihre Strafe zunächst in der Untersuchungshaftanstalt Fleury-Mérogis, ab dem Jahr 2000 im Frauengefängnis von Rennes. Nach mehreren Suizidversuchen in den ersten Haftjahren holte sie in der Haft schulische Abschlüsse nach und arbeitete zuletzt in der Gefängnisverwaltung. Am 2. Mai 2009 wurde sie nach knapp 15 Jahren Haft bedingt entlassen.
Ihr anthropometrisches Fahndungsfoto mit dem markanten, rätselhaften Gesichtsausdruck wurde in der französischen Presse zur Ikone, Kommentatoren verglichen den Fall mit dem kurz zuvor angelaufenen Film “Natural Born Killers”. Der mutmaßliche dritte Mann des Überfalls, Abdelhakim Dekhar, geriet 2013 erneut in die Schlagzeilen, als er in Paris auf mehrere Menschen schoss und dabei drei Personen verletzte.