Eugène Marie Chantrelle
- Aktive Jahre
- 1878
- Modus Operandi
- Vergiftung
Ein Glas Limonade, ein Geruch von Kohlegas im Schlafzimmer und ein Ehemann, der auffällig ruhig am Fenster stand, während seine Frau im Bett um ihr Leben rang: So begann einer der ersten Mordfälle der Geschichte, die durch die junge Wissenschaft der forensischen Toxikologie aufgeklärt wurden. Eugène Marie Chantrelle hatte sich verrechnet, sowohl bei seiner Ehefrau als auch bei der Polizei von Edinburgh.
Werdegang
Eugène Marie Chantrelle wurde 1834 im französischen Nantes als Sohn eines Schiffbauers geboren. Er begann eine medizinische Ausbildung, zunächst in Nantes, später an Kursen in Straßburg und Paris, wandte sich am Ende jedoch der Sprachlehre zu. In Edinburgh fand er eine Anstellung als Französischlehrer an der Newington Academy und verfasste eigene Sprachlehrbücher. Seine medizinischen Kenntnisse, ursprünglich für einen anderen Berufsweg gedacht, sollten ihm Jahre später auf fatale Weise zugutekommen.
Ehe mit Elizabeth Dyer
1868 heiratete Chantrelle seine 17-jährige Schülerin Elizabeth Cullen Dyer. Aus der Verbindung gingen vier gemeinsame Kinder hervor. Die Ehe war von finanziellen Sorgen und Spannungen geprägt, doch nach außen hin ließ sich der Sprachlehrer wenig anmerken. Im August 1877 schloss er, ohne dass es besonders auffiel, eine Lebensversicherung über 1.000 Pfund auf das Leben seiner Frau ab, mit einer Klausel, die im Falle eines Unfalltods eine höhere Auszahlung vorsah.
Die Tatnacht
In der Nacht zum 2. Januar 1878 fand man Elizabeth Chantrelle bewusstlos in ihrem Bett. Im Zimmer hing deutlicher Kohlegasgeruch, ein Umstand, den ihr Mann später als Unfall durch ein defektes Gasrohr darstellte. Tatsächlich hatte er zuvor 30 Dosen Opium erworben und seiner Frau über Orangen und ein Glas Limonade verabreicht. Elizabeth Chantrelle starb noch am selben Tag, ohne das Bewusstsein wiedererlangt zu haben.
Ermittlung: Ein früher Fall forensischer Toxikologie
Der Polizeichirurg Henry Littlejohn, einer der Pioniere der gerichtlichen Medizin in Schottland, fand Opiumspuren im Erbrochenen auf dem Nachthemd der Toten und entlarvte die vorgetäuschte Gasvergiftung als das, was sie war: eine nachträgliche Verschleierung. Die Polizei verhaftete Eugène Marie Chantrelle bereits am 5. Januar 1878, unmittelbar nach der Beerdigung seiner Frau.
Prozess und Hinrichtung
Der Prozess dauerte vom 7. bis zum 10. Mai 1878 und stützte sich auf 115 Zeugen und 198 Beweisstücke. Die Geschworenen benötigten nur eine Stunde und zehn Minuten, um ihn einstimmig für schuldig zu befinden. Am 31. Mai 1878 wurde Eugène Marie Chantrelle im Calton Prison von Edinburgh durch den Henker William Marwood gehängt. Seine letzten Worte sollen dem Gerichtsmediziner Henry Littlejohn gegolten haben, der ihn überführt hatte, ein knappes „Auf Wiedersehen”. Seine Schuld gestand er bis zuletzt nie ein.
Nachwirkungen
Der Fall gilt bis heute als einer der frühen Meilensteine der forensischen Toxikologie in Großbritannien, weil erst der wissenschaftliche Nachweis der Opiumvergiftung die vorgetäuschte Unfalltodinszenierung durchbrach. Elizabeth Chantrelles Schicksal wurde später auch literarisch verarbeitet, als warnendes Beispiel dafür, wie gefährlich eine unglückliche Ehe im viktorianischen Edinburgh enden konnte.