Eugene Aram
- Aktive Jahre
- 1745
- Modus Operandi
- Stumpfe GewaltKomplizenBrandstiftung
Dreizehn Jahre lang unterrichtete ein hoch angesehener Gelehrter Kinder in Latein und Griechisch, forschte nebenbei an einer eigenen Theorie zur Verwandtschaft der keltischen Sprachen und galt als einer der belesensten Männer seiner Zeit, obwohl er nie eine Universität besucht hatte. Dann grub ein Arbeiter in einer Kiesgrube in Yorkshire ein Skelett aus, und aus dem Sprachforscher Eugene Aram wurde über Nacht einer der berühmtesten Mordfälle der englischen Justizgeschichte.
Werdegang
Eugene Aram wurde im September 1704 im nordenglischen Ramsgill in Yorkshire als Sohn eines Landarbeiters geboren und genoss nur eine einfache Schulbildung in Lesen und Rechnen. Was danach folgte, war ungewöhnlich für einen Mann seiner Herkunft: Im Selbststudium eignete er sich Griechisch, Latein, Hebräisch, Aramäisch und Arabisch an und wurde zu einem der frühen Pioniere der vergleichenden Sprachwissenschaft. Er erkannte als einer der Ersten die verwandtschaftliche Nähe des Keltischen zu anderen europäischen Sprachen, eine These, die erst rund 70 Jahre später von der Fachwelt allgemein anerkannt wurde, und widersprach zudem der damals gängigen Annahme, das Lateinische stamme unmittelbar vom Griechischen ab. Er arbeitete als Schulmeister in mehreren englischen Städten, zunächst im Umland von Knaresborough, später als Hilfslehrer in London, bevor er im Dezember 1757 eine Stelle an der Grammar School im ostenglischen King’s Lynn antrat.
Die Tat
Am 8. Februar 1745 verschwand in Knaresborough der Schuhmacher Daniel Clark spurlos, nachdem er sich zuvor auf Kredit wertvolles Silberbesteck und Schmuck beschafft hatte. Eugene Aram, der eine enge Freundschaft mit dem Schuhmacher pflegte, argwöhnte zu dieser Zeit ein Verhältnis zwischen ihm und seiner eigenen Ehefrau. Gemeinsam mit dem Flachsaufbereiter Richard Houseman und einem dritten Mann namens Terry lockte er sein Opfer auf ein Feld nahe der St Robert’s Cave bei Knaresborough. Dort schlugen sie ihn mit stumpfer Gewalt zu Tode, um sich anschließend die zuvor auf Kredit erworbene Beute im Wert von schätzungsweise 160 Pfund zu teilen. Am Tag danach beobachtete seine eigene Ehefrau, wie Eugene Aram heimlich Kleidungsstücke verbrannte.
Dreizehn Jahre im Verborgenen
Daniel Clarks Verschwinden blieb offiziell ungeklärt, eine Aufklärung fand zu dieser Zeit nicht statt. Eugene Aram zog in den folgenden Jahren durch mehrere englische Städte, arbeitete als Schulmeister und widmete sich in seiner Freizeit umfangreichen sprachwissenschaftlichen Studien, in denen er Englisch, Latein, Griechisch, Hebräisch und Keltisch miteinander verglich. Von seiner Vergangenheit in Knaresborough schien ihn nichts mehr einzuholen.
Entdeckung und Festnahme
Im Februar 1758 stieß ein Arbeiter beim Kalkgraben auf dem Thistle Hill bei Knaresborough auf ein menschliches Skelett. Mit den Knochen konfrontiert, soll Richard Houseman ausgerufen haben, dies seien ebenso wenig die Knochen Daniel Clarks wie seine eigenen, ein Satz, der die Ermittler erst recht misstrauisch machte, da bislang niemand den Namen des Schuhmachers erwähnt hatte. Er wurde daraufhin festgenommen, gestand schließlich und führte die Ermittler zu einem weiteren Grab bei St Robert’s Cave, wo tatsächlich sterbliche Überreste lagen. Er belastete Eugene Aram als eigentlichen Mörder. Am 21. August 1758 wurde dieser an seiner Schule in King’s Lynn festgenommen.
Prozess und Hinrichtung
Der Prozess begann am 3. August 1759 in York. Eugene Aram verteidigte sich selbst und hielt ein bemerkenswertes Plädoyer, in dem er unter anderem auf bekannte Fälle von Fehlidentifikationen menschlicher Skelette verwies und spekulierte, die gefundenen Knochen könnten von einem Einsiedler stammen. Zeitgenössische Berichte beschrieben seine Verteidigungsrede als eines der geistvollsten Beispiele juristischer Argumentation, die vor einem englischen Gericht je vorgetragen wurden. Sie half ihm dennoch nicht: Richard Housemans Aussage, wonach beide die Beute geteilt hätten, sowie die Beobachtung seiner eigenen Frau erwiesen sich als zu belastend. Das Gericht befand ihn für schuldig und verurteilte ihn zum Tod durch Erhängen, mit anschließender öffentlicher Zurschaustellung des Leichnams am Tatort. Am Vorabend der Hinrichtung versuchte er, sich mit einem Schnitt in den linken Unterarm das Leben zu nehmen, überlebte den Versuch jedoch. Am 6. August 1759 wurde er in York gehängt. Sein Leichnam hing anschließend 25 bis 30 Jahre lang in einem eisernen Käfig in einem Wald bei Knaresborough mit Blick auf den Fluss Nidd, zur Abschreckung und weithin sichtbar.
Nachwirkungen
Sein Schädel wurde später von einem Arzt für dessen private Kuriositätensammlung geborgen und diente im 19. Jahrhundert phrenologischen Studien, unter anderem 1838 auf einer Tagung der British Association for the Advancement of Science in Newcastle, wo er trotz erheblicher wissenschaftlicher Skepsis zur Legitimierung der Phrenologie beitrug. Über das Royal College of Surgeons gelangte der Schädel 1993 an den Stadtrat von King’s Lynn und ist seither im dortigen Old Gaol House Museum ausgestellt. Literarisch wurde der Fall weit über England hinaus bekannt: Thomas Hood machte ihn 1829 mit der Ballade „The Dream of Eugene Aram” zum Schulstoff ganzer Schülergenerationen, und Edward Bulwer-Lytton verarbeitete den Stoff 1832 in seinem Roman „Eugene Aram” zu einer stark romantisierten Version, in der die Hauptfigur eher als Opfer der Umstände denn als vorsätzlicher Mörder erscheint. Spätere Autoren von P. G. Wodehouse bis George Orwell griffen die Figur des gelehrten Mörders immer wieder als Sinnbild für verborgene Schuld auf.