Enriqueta Martí
- Aktive Jahre
- 1912
- Modus Operandi
- EntführungBetrug
Am 27. Februar 1912 entdeckte eine Nachbarin die seit mehr als zwei Wochen vermisste Teresita Guitart in einer Wohnung im Barceloneser Viertel Raval. Die Fünfjährige war am 10. Februar entführt worden. Ihre Befreiung machte Enriqueta Martí über Nacht berüchtigt. Zeitungen formten aus dem Entführungsfall die Geschichte einer „Vampirin von Barcelona“, die Kinder ermordet und aus deren Körpern Heilmittel hergestellt habe. Neuere historische Recherchen fanden für diese Mordserie jedoch keine belastbaren Belege.
Werdegang
Enriqueta Martí Ripollés wurde am 2. Februar 1868 in Sant Feliu de Llobregat geboren. Sie zog nach Barcelona und heiratete 1895 den Maler Juan Pujaló. Über große Teile ihres Lebens sind nur lückenhafte oder widersprüchliche Angaben überliefert. Gerade die später häufig wiederholte Erzählung von einem Doppelleben als Bettlerin am Tag und elegant gekleideter Kupplerin in der Nacht lässt sich nicht zuverlässig von der zeitgenössischen Sensationspresse trennen.
Die Entführung von Teresita Guitart
Die fünfjährige Teresita Guitart verschwand am 10. Februar 1912. Eine Nachbarin bemerkte das Kind am 27. Februar in ihrer Wohnung in der damaligen Carrer de Ponent und verständigte die Behörden. Die Polizei befreite das Mädchen und nahm Enriqueta Martí fest. Dieser Entführungsfall ist der sicher belegte Kern der Geschichte.
In den folgenden Tagen verbreiteten Zeitungen immer drastischere Behauptungen: In ihren Wohnungen seien menschliche Überreste, Rezepturen, Blutspuren und eine Kundenliste prominenter Auftraggeber gefunden worden. Daraus entstand die Erzählung, sie habe zahlreiche Kinder getötet und deren Körper für angebliche Heilmittel verwendet. Die damalige Berichterstattung vermischte jedoch Ermittlungsangaben, Gerüchte und Erfindungen. Eine gerichtlich nachgewiesene Kindermordserie gab es nicht.
Kein Prozess
Enriqueta Martí blieb in Untersuchungshaft, starb aber am 12. Mai 1913, bevor es zu einem Prozess kam. Als Todesursache gilt Gebärmutterkrebs. Die bis heute verbreitete Geschichte, Mitgefangene hätten sie zu Tode geprügelt, wird durch neuere Recherchen ebenfalls nicht gestützt.
Entstehung eines Mythos
Historiker und spanische Medien haben die überlieferte Geschichte anhand von Akten und zeitgenössischen Zeitungen neu bewertet. Demnach ist die Entführung Teresitas belegt, während für die Enriqueta Martí zugeschriebenen Morde keine tragfähigen Beweise gefunden wurden. Auch angebliche Sammlungen menschlicher Überreste oder ein geheimes Netzwerk wohlhabender Kunden lassen sich nicht zuverlässig bestätigen.
Als angebliche Serienmörderin blieb Enriqueta Martí bis in Bücher und Filme hinein bekannt. Nach dem heute öffentlich belegbaren Stand bleibt davon ein Entführungsfall, die behauptete Mordserie gehört dagegen zur Wirkungsgeschichte einer von der Sensationspresse geprägten Legende.