Derek Bentley
- Aktive Jahre
- 1952
Vier Worte entschieden über Leben und Tod, und bis heute streiten Historiker über ihre wahre Bedeutung. „Let him have it, Chris“, soll Derek Bentley gerufen haben, als sein jugendlicher Komplize auf dem Dach eines Lagerhauses die Pistole zog. Meinte er „Gib ihm die Waffe“ oder „Erschieß ihn“? Die Antwort kostete Bentley 1953 das Leben, obwohl er selbst nie eine Waffe in der Hand hielt.
Werdegang
Derek William Bentley wurde am 30. Juni 1933 in London geboren. Als er 1938 von einem Lastwagen fiel, zog er sich Kopfverletzungen zu, die in der Folge zu Epilepsie führten. Während des Zweiten Weltkriegs wurde sein Elternhaus bei einem Bombenangriff zerstört. In der Schule scheiterte er an der Aufnahmeprüfung, spätere Tests attestierten ihm eine geistige Entwicklung auf dem Niveau eines Elfjährigen bei einem IQ zwischen 66 und 77. 1948 wurde er wegen Diebstahls verhaftet und in eine Erziehungsanstalt eingewiesen. Nach seiner Entlassung 1950 arbeitete er kurzzeitig als Möbelpacker, bevor er auch diese Stelle verlor.
Die Tat
Am Abend des 2. November 1952 versuchten der 19-jährige Derek und sein 16-jähriger Bekannter Christopher Craig, in ein Lagerhaus der Firma Barlow & Parker in der Tamworth Road in Croydon einzubrechen. Eine neunjährige Zeugin bemerkte die beiden und alarmierte die Polizei. Als die Beamten eintrafen, waren beide bereits auf das Dach des Gebäudes geflüchtet. Christopher eröffnete das Feuer und verletzte Detective Sergeant Fred Fairfax. In diesem Moment soll Derek den Satz „Let him have it, Chris“ gerufen haben. Sein Komplize schoss weiter und tötete den herbeigeeilten Police Constable Sidney George Miles, 42 Jahre alt, mit einem Kopfschuss. Anschließend sprang Christopher vom Dach und wurde festgenommen, ebenso wie Derek, der bereits vorher von dem Detective Sergeant festgehalten worden war.
Prozess
Der Prozess fand vom 9. bis 11. Dezember 1952 vor dem Old Bailey unter dem Vorsitz von Lord Chief Justice Rayner Goddard statt. Die Anklage stützte sich auf das Prinzip der Mittäterschaft: Auch wer selbst nicht schießt, könne für einen gemeinsam begangenen Mord verantwortlich sein, wenn er den Schützen dazu angestachelt habe. Nach nur 75 Minuten Beratung sprach die Jury beide Angeklagten schuldig. Christopher, als Minderjähriger nicht hinrichtbar, wurde zu Freiheitsentzug nach königlichem Belieben verurteilt und nach zehn Jahren im Mai 1963 entlassen. Derek dagegen erhielt als Volljähriger die Todesstrafe, obwohl er zum Zeitpunkt der tödlichen Schüsse bereits in Polizeigewahrsam gewesen war und selbst unbewaffnet blieb.
Hinrichtung und posthume Rehabilitierung
Am 28. Januar 1953 wurde Derek Bentley im Gefängnis von Wandsworth von Albert Pierrepoint gehängt. Der Fall entwickelte sich in den folgenden Jahrzehnten zu einem der bekanntesten vermeintlichen Fehlurteile der britischen Rechtsgeschichte und löste eine jahrzehntelange Kampagne seiner Familie um Rehabilitierung aus. Am 29. Juli 1993 erhielt er eine königliche Begnadigung bezüglich der Todesstrafe, die Verurteilung selbst blieb davon zunächst unberührt. Erst am 30. Juli 1998 hob der Court of Appeal die Verurteilung vollständig auf. Der zuständige Richter, Lord Thomas Bingham, kritisierte in der Urteilsbegründung die aus heutiger Sicht unfaire Prozessführung des verstorbenen Vorsitzenden Richters scharf.
Nachwirkungen
Der Fall gilt in Großbritannien als Lehrbeispiel für die Gefahren der Todesstrafe bei unklarer Beweislage und trug zur öffentlichen Debatte bei, die 1965 zur Abschaffung der Todesstrafe für Mord in England und Wales führte. Der Streit um die wahre Bedeutung der vier Worte „Let him have it, Chris“ ist bis heute nicht endgültig geklärt.