Bruno Lüdke
- Modus Operandi
- ErwürgenVergewaltigung
84 Geständnisse, aber kein Prozess und kein gerichtsfester Beweis: Die nationalsozialistische Kriminalpolizei machte Bruno Lüdke 1943 zum angeblich schlimmsten Serienmörder Deutschlands. Der Bestand des Landesarchivs Berlin im Archivportal-D verzeichnet die ihm zugeschriebenen Fälle samt Vernehmungen, Gutachten und Tatortunterlagen. Eine Aufarbeitung des rbb und die Forschung zur Mediengeschichte beschreiben ihn heute als Opfer manipulativer Verhöre und nationalsozialistischer Gewalt.
Werdegang
Er wuchs in ärmlichen Verhältnissen auf, besuchte eine Hilfsschule und galt zeitlebens als kognitiv deutlich beeinträchtigt. 1940 wurde er im Rahmen der nationalsozialistischen Zwangssterilisationspolitik zwangssterilisiert, ein Umstand, der seine gesellschaftliche Randstellung zusätzlich verschärfte.
Die Geständnisse
Nach seiner Festnahme im März 1943 wegen des Verdachts an einer einzelnen Tat gestand er im Verhör zunächst diesen einen Mord, im weiteren Verlauf jedoch nach und nach insgesamt 84 ungeklärte Straftaten aus dem gesamten Deutschen Reich. Der ermittelnde Kriminalkommissar Heinrich Franz ließ dafür systematisch ungelöste Fälle aus dem ganzen Land zusammentragen und fragte ihn der Reihe nach, ob er an den jeweiligen Orten gewesen sei. Er bejahte praktisch jede dieser Suggestivfragen, ohne dass belastbare Indizien wie Fingerabdrücke oder Zeugenaussagen die einzelnen Geständnisse stützten.
Zweifel an der Schuld
Bereits zeitgenössisch fielen zahlreiche Widersprüche in den Geständnissen auf, die jedoch im NS-Justizsystem kaum ernsthaft geprüft wurden. Auch die naheliegende Frage, wie ein mittelloser, kognitiv beeinträchtigter Mann die für die gestandenen Taten nötigen Reisen quer durch das Reichsgebiet überhaupt hätte finanzieren und organisieren können, blieb unbeantwortet. Der niederländische Kriminalist Jan Blaauw kam bei einer späteren Aufarbeitung des Falls zu dem Schluss, dass zwischen dem Ermittler Franz und dem außergewöhnlich suggestiblen Bruno Lüdke ein Abhängigkeitsverhältnis bestanden habe, das die Geständnisse erst ermöglichte. Keiner der ihm zugeschriebenen 84 Fälle konnte später unabhängig aufgeklärt werden.
Tod ohne Prozess
Zu einem ordentlichen Gerichtsverfahren kam es nie. Stattdessen starb er am 8. April 1944 in Wien unter ungeklärten Umständen, mutmaßlich im Rahmen medizinischer Experimente in einer Unterdruckkammer, denen er als angeblich unzurechnungsfähiger „Serienmörder” ausgesetzt worden war.
Nachwirkungen
Der Fall Bruno Lüdke gilt heute in der deutschen Rechts- und Kriminalgeschichte als Lehrbeispiel dafür, wie kognitive Beeinträchtigung, Suggestivverhöre und die Rechtlosigkeit im nationalsozialistischen Unrechtsstaat zusammenwirken konnten, um aus einem einzelnen, nie zweifelsfrei bewiesenen Vorwurf konstruierte Massengeständnisse zu erzwingen, ohne dass je ein Gericht die Beweislage überprüfte.