Antony Baekeland
- Aktive Jahre
- 1972
- Modus Operandi
- Erstechen
Am 17. November 1972 betritt die Polizei ein Penthouse am Cadogan Square in Chelsea. Barbara Daly Baekeland liegt tot in der Küche. Ihr 26-jähriger Sohn Antony telefoniert derweil ruhig und bestellt chinesisches Essen. Kurz zuvor hat er seine Mutter mit einem Küchenmesser erstochen.
Werdegang
Antony Baekeland wurde am 28. August 1946 in eine der schillerndsten und zugleich unglücklichsten Familien Amerikas hineingeboren. Sein Vater Brooks war ein Enkel von Leo Baekeland, dem Erfinder des ersten vollsynthetischen Kunststoffs Bakelit. Seine Mutter Barbara war eine gefeierte Schönheit, die für Vogue und Harper’s Bazaar modelte. Hinter der glänzenden Fassade verbarg sich jedoch eine zutiefst zerrüttete Familie. Antony widmete sich als junger Mann der Malerei, Poesie und Musik. Er war homosexuell, was seine Mutter nicht akzeptierte. Nach Darstellung der Biografie “Savage Grace” soll Barbara 1969 auf Mallorca eine sexuelle Beziehung zu ihm begonnen haben, weil sie seine Homosexualität ändern wollte. Die Autoren führen den angeblichen Vorgang als einen Faktor in seiner sich zuspitzenden psychischen Krise an. Sein Vater lehnte eine psychiatrische Behandlung zunächst ab und beschrieb den eigenen Sohn später als “Personifizierung des Bösen”. Ärzte diagnostizierten bei Antony schließlich eine Schizophrenie mit paranoiden Zügen. Sein intensiver LSD-Konsum verschärfte die psychische Krise zusätzlich.
Die Beziehung zwischen Mutter und Sohn war von gegenseitiger Abhängigkeit und Gewalt geprägt. Bereits im Juli 1972 hatte Antony versucht, Barbara vor ein fahrendes Auto zu stoßen, sie zeigte ihn jedoch nicht an. Ein Psychiater warnte sie Ende Oktober 1972 ausdrücklich, ihr Sohn sei “zu Mord fähig”. Barbara ignorierte die Warnung.
Die Tat
Am 17. November 1972 eskalierte ein Streit über den bevorstehenden Besuch einer Freundin in ihrer gemeinsamen Wohnung am Cadogan Square. Antony griff zu einem Küchenmesser und stach seiner Mutter in die Brust. Die Klinge durchtrennte eine Hauptarterie nahe dem Herzen, Barbara starb fast augenblicklich. Als die Polizei eintraf, zeigte er keinerlei Anzeichen von Panik oder Reue, sondern verhielt sich, als sei nichts geschehen.
Prozess und Broadmoor
Der Prozess begann am 6. Juni 1973 im Old Bailey. John Mortimer, der später mit der Romanfigur Rumpole berühmt wurde, übernahm die Verteidigung. Die Verteidigung stützte sich auf verminderte Schuldfähigkeit. Das Gericht folgte dieser Linie: Antony wurde nicht wegen Mordes, sondern wegen Totschlags schuldig gesprochen und auf unbestimmte Zeit in das Hochsicherheits-Psychiatriekrankenhaus Broadmoor eingewiesen.
In Broadmoor arbeitete er in der Handwerkswerkstatt der Anstalt, unterhielt Beziehungen zu Mitpatienten und erhielt Besuch von Persönlichkeiten wie der Schauspielerin Patricia Neal. Seine Großmutter mütterlicherseits, Nini Daly, besuchte ihn regelmäßig und blieb bis zuletzt überzeugt, ihr Enkel sei unschuldig. Nach jahrelangen Bemühungen seiner Unterstützer wurde er im Juli 1980 entlassen und in die USA abgeschoben. Die Entlassung war an eine engmaschige psychiatrische Nachbetreuung geknüpft, die jedoch nicht zustande kam.
Der zweite Angriff und das Ende
Er zog zu seiner Großmutter Nini Daly in eine kleine Wohnung an der Upper East Side in New York. Nur sechs Tage nach seiner Entlassung griff er auch sie mit einem Küchenmesser an und stach achtmal zu, als sie ihn von einem Telefonat nach England abhalten wollte. Nini Daly überlebte den Angriff. Antony wurde festgenommen und auf Rikers Island inhaftiert.
Nachwirkungen
Am Tag seines geplanten Gerichtstermins, dem 20. März 1981, fand man Antony Baekeland tot in seiner Zelle, eine Plastiktüte über dem Kopf. Er wurde nur 34 Jahre alt. Ob er sich selbst das Leben nahm oder von Mitgefangenen getötet wurde, blieb ungeklärt. Sein Vater vermutete Letzteres, möglicherweise wegen Schulden bei anderen Insassen. Die offizielle Einordnung als Suizid gilt bis heute als wahrscheinlichste, wenn auch nicht restlos bewiesene Erklärung. Der Fall wurde durch das Buch “Savage Grace” von Natalie Robins und Steven M. L. Aronson sowie die gleichnamige Verfilmung von 2007 mit Julianne Moore einem breiten Publikum bekannt.