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Vlad der Pfähler und der Dracula-Mythos

Porträt Vlad III. Drăculea, spätes 16. Jahrhundert, Schloss Ambras
Porträt Vlad III. Drăculea, spätes 16. Jahrhundert, Schloss Ambras. Wikimedia Commons · Public Domain / CC0

Vlad III. Drăculea, besser bekannt als Vlad der Pfähler, war ein walachischer Fürst des 15. Jahrhunderts, dessen brutale Herrschaftspraxis ihn schon zu Lebzeiten berüchtigt machte. Sein Name lieferte 1897 die Vorlage für Bram Stokers Roman „Dracula” und damit für eine der einflussreichsten Monsterfiguren der Popkultur. Wie eng diese Verbindung tatsächlich ist, überrascht: historisch betrachtet übernahm Stoker im Wesentlichen nur den Namen, nicht die Biografie. Dieser Artikel zeichnet nach, wie aus einem mittelalterlichen Herrscher über deutsche Flugschriften, viktorianische Schauerliteratur und Hollywood ein globales Monster-Symbol wurde, ein Fallbeispiel dafür, wie sich das öffentliche Bild von Gewalttätern historisch immer wieder von den eigentlichen Fakten löst.

Der historische Vlad III.

Vlad wurde um 1431 geboren, vermutlich in Schäßburg in Siebenbürgen, und regierte die Walachei in drei kurzen, von Kriegen und Vertreibungen unterbrochenen Phasen zwischen 1448 und seinem Tod 1476 oder 1477, am längsten und wirkungsmächtigsten zwischen 1456 und 1462. Seinen Beinamen „Drăculea”, Sohn des Drachen, verdankte er seinem Vater Vlad II., der in den Drachenorden aufgenommen worden war, einen Ritterorden zur Verteidigung des Christentums gegen die expandierenden Osmanen. Den Beinamen „Țepeș”, der Pfähler, erhielt er dagegen erst posthum, um 1550, benannt nach seiner bevorzugten Hinrichtungsmethode, die auch die Osmanen selbst mit dem Beinamen „Kazıklu Bey” würdigten.

Als einziger europäischer Herrscher reagierte er 1460 tatsächlich militärisch auf den Kreuzzugsaufruf von Papst Pius II. gegen die Osmanen unter Sultan Mehmed II. Bei seinem berühmtesten Feldzug 1462 setzte er auf Taktiken der verbrannten Erde und einen nächtlichen Überraschungsangriff auf das weit überlegene osmanische Heer. Als Mehmed II. anschließend auf seinem Rückzugsweg auf ein „Wald” aus tausenden gepfählten Leichen stieß, schätzten Zeitzeugen auf rund 20.000 Tote, soll ihn der Anblick derart erschüttert haben, dass er den Feldzug endgültig abbrach.

Vlad setzte die Pfählung systematisch als Herrschaftsinstrument gegen aufständische Bojaren, verurteilte Kriminelle und Kriegsgefangene ein, mit unterschiedlicher Grausamkeit von einer vergleichsweise schnellen Pfählung durch die Brust bis zu einem absichtlich langsamen, tagelangen Sterben an stumpfen, geölten Pfählen. Die genauen Opferzahlen seiner Gesamtherrschaft bleiben umstritten: Westliche Quellen sprechen von 40.000 bis über 90.000 Toten, Historiker halten insbesondere die überlieferte Zahl von angeblich 30.000 in der siebenbürgischen Handelsstadt Kronstadt hingerichteten Kaufleuten angesichts der damaligen Stadtgröße für deutlich übertrieben.

Die deutschen Flugschriften: früher Boulevard-Horror

Bereits kurz nach 1462 kursierten in deutschsprachigen Gebieten handschriftliche Berichte, die Vlad als blutrünstigen Tyrannen zeichneten, unter anderem ein Gedicht des Meistersingers Michel Beheim von 1463. Mit der Verbreitung von Gutenbergs Druckerpresse entstanden zwischen 1488 und 1559 mindestens 13 gedruckte Flugschriften über seine angeblichen Grausamkeiten, die sich rasant verbreiteten und zu einer Art frühneuzeitlichem Boulevard-Horror wurden. Viele dieser Texte stammten von siebenbürger Sachsen, die selbst unter Vlads Feldzügen gelitten hatten, und dienten zugleich politischen Zwecken: König Matthias Corvinus von Ungarn etwa nutzte Vlads schlechten Ruf, um seine eigene Untätigkeit gegen die osmanische Bedrohung zu rechtfertigen. Interessant ist der Kontrast zu den russischen „Geschichten über den Wojwoden Dracula” aus den 1480er-Jahren sowie der rumänischen mündlichen Überlieferung, die ihn deutlich positiver zeichnen, als kompromisslosen, aber gerechten Landesfürsten und Bekämpfer der Korruption. Das Bild des grausamen Tyrannen ist also von Anfang an vor allem ein westeuropäisches, politisch aufgeladenes Konstrukt gewesen, kein universeller historischer Konsens.

Von Vlad zu Dracula: eine erstaunlich dünne Verbindung

Als der irische Schriftsteller Bram Stoker 1890 in der öffentlichen Bibliothek von Whitby recherchierte, stieß er auf William Wilkinsons historisches Werk über die Walachei und Moldau von 1820. Darin fand er die Fußnote, „Dracula” bedeute auf Rumänisch „Teufel” und sei ein Beiname für Personen gewesen, die sich durch Mut, grausame Taten oder List hervorgetan hätten, tatsächlich leitet sich der Name eher vom Drachenorden seines Vaters ab, trägt aber im rumänischen Volksmund durchaus auch eine teuflische Nebenbedeutung. Stoker übernahm daraufhin den klangvollen Namen für seinen Grafen.

Die lange populäre These, ein ungarischer Gelehrter namens Ármin Vámbéry habe Stoker darüber hinaus detailliert über Vlads Leben und Grausamkeiten informiert, wurde erst 1972 durch das Buch der Historiker Raymond McNally und Radu Florescu popularisiert, spätere Forschung, allen voran die Dracula-Expertin Elizabeth Miller, fand dafür jedoch keinerlei Beleg, weder in Vámbérys eigenen Veröffentlichungen noch in Stokers erhaltenen Notizen. Der wissenschaftliche Konsens heute: Stoker recherchierte zwar umfangreich zu Transsilvanien und dessen Folklore, übernahm für seine Romanfigur aber im Wesentlichen nur den Namen, nicht die Biografie des historischen Fürsten.

Wie der Mythos zum Massenphänomen wurde

Stokers Roman allein hätte den Namen kaum so global verankert. Erst die Filmgeschichte machte Dracula zur Ikone: von Friedrich Wilhelm Murnaus nicht autorisierter Verfilmung „Nosferatu” 1922 über Bela Lugosis prägende Kinodarstellung 1931 bis zu Christopher Lees zahlreichen Hammer-Horrorfilmen der 1950er- bis 1970er-Jahre. Den entscheidenden Schritt zur heute weit verbreiteten Gleichsetzung von Dracula und Vlad dem Pfähler vollzog jedoch erst Francis Ford Coppola mit seinem Film „Bram Stoker’s Dracula” von 1992: Das Drehbuch fügte, ausdrücklich gestützt auf die bereits erwähnte, wissenschaftlich umstrittene These von McNally und Florescu, einen historisierenden Prolog hinzu, der den Grafen unmissverständlich als Vlad III. einführt, einen Zusammenhang, den Stokers Originaltext selbst nur vage andeutet. Seither gilt die Gleichsetzung „Dracula ist Vlad der Pfähler” in der öffentlichen Wahrnehmung praktisch als Tatsache, obwohl sie erst gut hundert Jahre nach dem Roman und auf fragwürdiger Forschungsgrundlage in die Popkultur eingeführt wurde.

Tourismus und Erinnerungskultur

Diese Gleichsetzung wird bis heute kommerziell genutzt: Schloss Bran in Siebenbürgen wird internationalen Touristen als „Dracula’s Castle” vermarktet, obwohl Vlad III. dort nachweislich nie gelebt hat und historisch bestenfalls die Bran-Schlucht durchquerte. Auch Stokers Romantext erwähnt die Burg nie und beschreibt ein völlig anderes Gebäude. Die Verbindung ist, wie Historiker offen einräumen, touristisch motiviertes Marketing, keine historische Substanz. In Rumänien selbst fällt die Erinnerungskultur entsprechend gespalten aus: National gilt Vlad III. vor allem als Symbolfigur des Widerstands gegen die osmanische Expansion, während er im Westen fast ausschließlich als Namensgeber eines fiktiven Monsters bekannt ist.

Warum dieser Fall auch für den Blick auf moderne Täter lehrreich ist

Der Fall Vlad zeigt in extremer, jahrhundertelanger Verdichtung einen Mechanismus, der sich auch bei der medialen Verarbeitung moderner Gewaltverbrecher wiederfindet: Zwischen historischer Tat, politisch gefärbter Erstberichterstattung, literarischer Verarbeitung und schließlich kommerzieller Verwertung entsteht ein öffentliches Bild, das mit den ursprünglichen Fakten oft nur noch lose verbunden ist. Wo genau die Grenze zwischen dokumentierter Grausamkeit, politischer Propaganda und reiner Fiktion verläuft, lässt sich im Nachhinein selbst mit historischer Distanz von über 500 Jahren nur schwer rekonstruieren, ein Umstand, der zur Vorsicht mahnt, auch beim Umgang mit deutlich aktuelleren Kriminalfällen und ihrer medialen Verarbeitung.