Femizide von Ciudad Juárez
Seit 1993 wurden in der nordmexikanischen Grenzstadt Ciudad Juárez je nach Quelle und Zeitraum mehrere hundert bis über tausend Frauen und Mädchen ermordet. Anders als bei den meisten anderen Fällen in diesem Verzeichnis handelt es sich dabei nicht um das Werk eines einzelnen Serientäters, sondern um ein bis heute andauerndes gesellschaftliches Phänomen aus häuslicher Gewalt, organisierter Kriminalität, mutmaßlichen Einzeltätern und einer über Jahrzehnte gewachsenen Kultur der Straflosigkeit. Der Fall prägte maßgeblich den heute in weiten Teilen Lateinamerikas rechtlich verankerten Begriff „Feminicidio”.
Eine Grenzstadt im wirtschaftlichen Umbruch
Mit dem nordamerikanischen Freihandelsabkommen NAFTA von 1994 wuchs in Ciudad Juárez die Zahl der sogenannten Maquiladoras rasant, ausländischer Montagefabriken, die junge, oft alleinstehende Frauen aus ländlichen Regionen Mexikos zu niedrigen Löhnen beschäftigten. Diese Frauen pendelten häufig durch unterentwickelte Außenbezirke ohne Straßenbeleuchtung oder befestigte Wege zu ihren Nachtschichten, was Kriminologin Katherine Pantaleo als strukturelle Erklärung für ihre besondere Verletzlichkeit anführt. Zwischen 1994 und 2001 stieg die Mordrate an Frauen in der Stadt um etwa 600 Prozent, während sie bei Männern im selben Zeitraum um rund 300 Prozent zunahm, ein Unterschied, der nach Einschätzung mehrerer Forscherinnen nicht allein mit allgemein steigender Gewaltkriminalität zu erklären ist.
Das Ausmaß der Gewalt
Eine Studie aus dem Jahr 2008 unterschied zwei wiederkehrende Muster: Rund 30 Prozent der Fälle waren sogenannte intime Femizide, Tötungen durch Partner oder Familienangehörige, wie sie in ähnlicher Form weltweit vorkommen. Daneben identifizierten Forscher jedoch ein zweites, spezifischeres Muster systematischer sexualisierter Gewalt: Entführung, tagelange Gefangenschaft, Folter und schließlich die Ablage der Leichen in Wüstengebieten oder Abwasserkanälen am Stadtrand. Ob hinter diesem zweiten Muster ein einzelner, nie identifizierter Serientäter steht, den manche Ermittler „Juárez Ripper” nannten, mehrere unabhängig voneinander agierende Täter oder ein informelles Netzwerk, gilt bis heute als ungeklärt.
Gescheiterte Ermittlungen und erzwungene Geständnisse
Die Aufklärungsarbeit der örtlichen Behörden war über Jahre von gravierenden Mängeln geprägt: falsch identifizierte Leichen, verschwundenes forensisches Beweismaterial und vernichtete Akten gehörten zu den am häufigsten dokumentierten Vorwürfen. Mehrere prominente Verurteilungen erwiesen sich später als fragwürdig. Der Busfahrer Víctor García Uribe etwa gestand 2004 unter Folter, wurde jedoch 2005 mangels stichhaltiger Beweise wieder freigelassen. Auch angebliche Bandenmitglieder, die ein inhaftierter ägyptischer Häftling namens Abdul Latif Sharif von seiner Zelle aus zu weiteren Morden angestiftet haben soll, gaben an, ihre Geständnisse seien unter Folter erpresst worden.
Der Begriff „Feminicidio”
Die mexikanische Anthropologin Marcela Lagarde y de los Ríos prägte im Zusammenhang mit den Morden von Ciudad Juárez den Begriff „Feminicidio” und grenzte ihn bewusst vom neutraleren „Femizid” ab: Während Femizid lediglich die Tötung einer Frau bezeichne, verweise Feminicidio zusätzlich auf die gesellschaftlichen und patriarchalen Strukturen sowie die Straflosigkeit, die solche Taten erst ermöglichten. Der Begriff fand seither Eingang in die Gesetzgebung mehrerer lateinamerikanischer Staaten, die Feminicidio inzwischen als eigenen, schwerer bestraften Straftatbestand führen.
Der Widerstand der Mütter
Angesichts des behördlichen Versagens organisierten sich Angehörige der Opfer selbst. Gruppen wie „Nuestras Hijas de Regreso a Casa” (Unsere Töchter sollen nach Hause zurückkehren) und die Bewegung „Ni Una Más” (Nicht eine mehr) forderten kompetente Ermittlungen und wirksame Gewaltprävention. Die 1999 gegründete Organisation Casa Amiga bietet bis heute Krisenberatung und Rechtsbeistand für Betroffene und Angehörige. Sichtbarstes Symbol dieses Widerstands wurden die rosa Kreuze, die seit dem 1993 aufgestellten „Kreuz der Nägel” an Fundorten, Straßenkreuzungen und öffentlichen Plätzen der Stadt an die Opfer erinnern.
Internationale Gerichtsbarkeit
2009 verurteilte der Interamerikanische Gerichtshof für Menschenrechte im sogenannten „Campo Algodonero”-Fall (Baumwollfeld-Fall), benannt nach einem weiteren Fundort mehrerer Leichen, den mexikanischen Staat wegen unzureichender Ermittlungen und mangelnden Opferschutzes. Das Urteil verpflichtete Mexiko zu neuen Ermittlungen, Gedenkstätten, Entschädigungszahlungen sowie verbesserten Schutzmaßnahmen für gefährdete Frauen, ein seltener Fall, in dem ein internationales Gericht einen Staat unmittelbar für das Versagen seiner eigenen Strafverfolgungsbehörden zur Verantwortung zog.
Aktuelle Einordnung
Neuere Forschung relativiert das lange vorherrschende Bild von Ciudad Juárez als weltweit extremstem Einzelfall: Die Femizidrate der Stadt liegt demnach im Vergleich zu anderen mexikanischen Grenzstädten in ähnlicher Größenordnung und macht, gemessen am Anteil an der Gesamtzahl der Tötungsdelikte, sogar einen kleineren Anteil aus als in Teilen der USA. Das ändert nichts an der Schwere der einzelnen Taten, verweist aber darauf, dass Ciudad Juárez vor allem deshalb zum international bekanntesten Symbol wurde, weil dort besonders früh und beharrlich Angehörige, Aktivistinnen und Wissenschaftlerinnen öffentlich auf ein Problem aufmerksam machten, das weit über die Stadt hinausreicht.