Seattle: 15-Jähriger angeklagt, Polizeichef muss gehen
Nach den tödlichen Schüssen beim Food-Festival Bite of Seattle haben Gerichtsunterlagen und neue Polizeiauskünfte das Bild der Auseinandersetzung deutlich verändert. Die Ermittler gehen nicht mehr nur von zwei, sondern von mindestens drei Schützen aus. Ein festgenommener 15-Jähriger wurde angeklagt, während die Polizei nach weiteren Beteiligten sucht.
Anklage gegen einen 15-Jährigen
Die Staatsanwaltschaft von King County erhob am 29. Juli Anklage gegen den Jugendlichen. Ihm werden ein Angriff ersten Grades unter Einsatz einer Schusswaffe und illegaler Waffenbesitz zweiten Grades vorgeworfen. Die Staatsanwaltschaft beantragte außerdem, das Verfahren vor einem Erwachsenengericht zu führen. Über diesen Antrag muss ein Gericht in einem gesonderten Verfahren entscheiden.
Eine Mordanklage wurde zunächst nicht erhoben. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft hatte die Polizei den Fall noch nicht als Mordermittlung gegen den Jugendlichen vorgelegt. Zusätzliche Anklagepunkte bleiben möglich, falls die weiteren Ermittlungen entsprechende Beweise ergeben.
Ghost Gun mit erweitertem Magazin
Der 15-Jährige soll während der Schüsse eine nicht registrierte Polymer80-Pistole im Kaliber neun Millimeter benutzt haben. Solche aus Einzelteilen zusammengesetzten Waffen werden in den USA als Ghost Guns bezeichnet, weil sie häufig keine reguläre Seriennummer tragen. Die Pistole war mit einem erweiterten Magazin ausgestattet und wurde nach Polizeiangaben während der Auseinandersetzung abgefeuert.
Vorläufige ballistische Untersuchungen sprechen jedoch dafür, dass die tödlichen Geschosse, die Ashley Whitehead und Carlos Israel Sanchez Villalba trafen, nicht aus dieser Polymer80-Pistole stammten. Die Anklage wirft dem Jugendlichen dennoch vor, mehrfach inmitten einer großen Menschenmenge geschossen zu haben.
Mindestens drei Schützen und Spuren von vier Waffen
Erste Polizeimeldungen hatten von zwei Menschen gesprochen, die aufeinander schossen. Spätere Gerichtsunterlagen nennen mindestens drei mutmaßliche Schützen: den festgenommenen Jugendlichen, den am Tatort getöteten 19-jährigen Junior Cee Niko Semo und mindestens eine weitere unbekannte Person.
Bei der Auswertung von 13 Patronenhülsen fanden Ermittler Hinweise auf möglicherweise vier verschiedene Handfeuerwaffen. Das bedeutet nicht zwangsläufig, dass vier Menschen geschossen haben, erweitert aber die Zahl der zu prüfenden Waffen. Die Polizei geht davon aus, dass zwei Gruppen an der Auseinandersetzung beteiligt waren und ein möglicher Bezug zu Gangkonflikten besteht.
Zwei unbeteiligte Todesopfer
Die drei Getöteten wurden als Ashley Whitehead, Carlos Israel Sanchez Villalba und Junior Cee Niko Semo identifiziert. Nach Einschätzung der Polizei waren die 56-jährige Ashley Whitehead und der 44-jährige Carlos Israel Sanchez Villalba unbeteiligte Festivalbesucher. Der 19-jährige Junior Cee Niko Semo soll dagegen an dem Schusswechsel beteiligt und mit dem festgenommenen Jugendlichen bekannt gewesen sein.
Insgesamt wurden sieben Menschen von Schüssen getroffen. Die Polizei stellte später klar, dass ein 27-jähriger Mann, der selbst ein Krankenhaus aufgesucht hatte, bereits zu diesen sieben Betroffenen gehörte und kein zusätzliches achtes Opfer war.
Weitere Verdächtige nicht gefasst
Am 31. Juli erklärte Seattles kommissarischer Polizeichef Andre Sayles, die Ermittler seien der Identifizierung mindestens einer weiteren tatverdächtigen Person nähergekommen. Zugleich suche die Polizei weiterhin nach mehreren Menschen, die an dem Schusswechsel beteiligt gewesen sein könnten.
Eine Festnahme weiterer Verdächtiger war bis zum 10. August nicht öffentlich bestätigt. Anders als in den ersten Stunden nach der Tat vermied die Polizeiführung zuletzt eine uneingeschränkte Entwarnung, solange bewaffnete Beteiligte noch nicht identifiziert und gefasst sind. Die genaue Zuordnung der tödlichen Schüsse bleibt damit weiterhin offen.
Polizeichef nach Kritik abgelöst
Die zögerliche Informationspolitik nach der Tat hatte auch personelle Folgen. Bürgermeisterin Katie Wilson drängte Polizeichef Shon Barnes zum Rücktritt und stellte am 31. Juli den bisherigen Vizechef Andre Sayles als kommissarischen Nachfolger vor. Kritisiert worden war vor allem, dass die Öffentlichkeit zunächst keine klare Auskunft darüber erhielt, ob noch bewaffnete Tatverdächtige flüchtig waren.
Katie Wilson erklärte, die Kommunikation nach der Massenschießerei sei nicht der einzige Grund für ihre Entscheidung gewesen. Mehrere Faktoren hätten eine Rolle gespielt, die Ereignisse beim Festival seien jedoch in die Entscheidung eingeflossen. Eine weitergehende Begründung nannte sie zunächst nicht.
Andre Sayles kündigte an, die Polizeipräsenz bei öffentlichen Festivals für den Rest des Sommers zu verstärken. Der Führungswechsel löste zugleich Kritik bei Gemeindeorganisationen, Wirtschaftsvertretern und Mitgliedern des Stadtrats aus, die auf Erfolge von Shon Barnes bei der Personalgewinnung und der Kriminalitätsbekämpfung im Stadtzentrum verwiesen.
Rückblick So begann der Fall Drei Tote bei Schüssen auf Food-Festival in Seattle Erste Meldung lesenQuellen
- Seattle Police Department – Update: SPD Video From Seattle Center Homicide Investigation
- AP News – 15-year-old arrested at Seattle food festival shooting was armed with a ghost gun
- KUOW – 15-year-old shooting suspect charged with first-degree assault
- KUOW – Bullets from 15-year-old's gun did not kill two Seattle Center victims
- KUOW – Seattle Police closing in on another suspect
- AP News – Seattle mayor defends ousting police chief after festival shootout