Mord an Moritz Schlick: Wiener Kreis verliert seinen Kopf
Am Morgen des 22. Juni 1936 wurde der Philosoph Moritz Schlick auf der zentralen Treppe des Hauptgebäudes der Universität Wien erschossen, auf dem Weg zu einer seiner Vorlesungen. Der Täter, ein ehemaliger Student, wurde noch am selben Tag festgenommen. Der Mord beraubte die österreichische Philosophie einer ihrer prägendsten Figuren und wurde später von der nationalsozialistischen Propaganda für ihre Zwecke instrumentalisiert.
Der Begründer des Wiener Kreises
Moritz Schlick wurde 1882 in Berlin geboren und übernahm 1922 den Lehrstuhl für Naturphilosophie an der Universität Wien. Um ihn versammelte sich in den folgenden Jahren eine Gruppe von Philosophen, Mathematikern und Naturwissenschaftlern, die als Wiener Kreis in die Geistesgeschichte einging und mit dem logischen Empirismus eine der einflussreichsten philosophischen Strömungen des 20. Jahrhunderts prägte. Zu seinen Schülern zählten unter anderem Rudolf Carnap und Herbert Feigl. International galt er als einer der angesehensten Denker seiner Zeit, seine Vorlesungen waren weit über Wien hinaus bekannt.
Die Tat und der Täter
Sein Mörder war ein ehemaliger Doktorand, der Jahre zuvor unter seiner Betreuung promoviert hatte und in der Folge eine wahnhafte Fixierung auf seinen früheren Lehrer entwickelte. Ein ausführliches Profil zum Täter, seinem Werdegang und dem späteren Prozess ist im Täter-Verzeichnis zu finden: Johann Nelböck. Obwohl das eigentliche Motiv persönlicher, nicht politischer Natur war, feierte die nationalsozialistische Presse die Tat als Schlag gegen eine angeblich „jüdische“ Philosophie, obwohl der Philosoph selbst weder jüdischer Herkunft war noch der Wiener Kreis eine einheitliche religiöse oder ethnische Zusammensetzung hatte.
Nachwirkungen
Der Mord beschleunigte den Zerfall des Wiener Kreises, dessen Mitglieder ohnehin bereits vor dem heraufziehenden Nationalsozialismus zunehmend ins Exil flohen, viele von ihnen nach Großbritannien und in die USA. Dort prägten sie maßgeblich die angelsächsische Wissenschaftsphilosophie der folgenden Jahrzehnte. In Österreich selbst geriet der Wiener Kreis nach 1938 weitgehend in Vergessenheit und wurde erst Jahrzehnte später wieder als eigenständige philosophische Tradition gewürdigt.
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