← Alle Schlagzeilen

Gladbeck: 54 Stunden Geiselnahme enden mit drei Toten

Die frühere Deutsche-Bank-Filiale in Gladbeck-Rentfort, in der die Geiselnahme am 16. August 1988 begann
Webwasher, via Wikimedia Commons, verkleinert · CC BY-SA 4.0
Update Es gibt Neuigkeiten: Klickt hier! Gladbeck: Bremer Senat legt Hilfen für Opfer offen Update lesen

Am Mittag des 18. August 1988 stand ein silbergrauer BMW in der Kölner Fußgängerzone. Im Wagen saßen die bewaffneten Geiselnehmer Hans-Jürgen Rösner und Dieter Degowski, ihre Begleiterin Marion Löblich sowie die Geiseln Silke Bischoff und Ines Voitle. Ringsum drängten sich Reporter, Fotografen und Schaulustige. Journalisten stellten Fragen, hielten Mikrofone in das Fahrzeug und ließen sich die Bedrohung einer Geisel für Fotos noch einmal zeigen. Ein Reporter stieg schließlich in den Fluchtwagen und wies den Weg zur Autobahn.

Die Szene wurde zum Sinnbild eines Verbrechens, bei dem nicht nur die Polizei, sondern auch Teile der Presse ihre Rolle verloren.

Vom Banküberfall zur Geiselnahme

Begonnen hatte alles am 16. August kurz vor 8 Uhr in einer Bankfiliale in Gladbeck-Rentfort. Hans-Jürgen Rösner und Dieter Degowski wurden bei einem bewaffneten Überfall von der Polizei überrascht und nahmen zwei Bankangestellte als Geiseln. Mit Lösegeld und einem Fluchtwagen durften sie am Abend abziehen. Später holten sie Marion Löblich ab.

Am folgenden Tag erreichte das Trio Bremen. Dort brachten die Täter einen Linienbus mit Dutzenden Fahrgästen in ihre Gewalt. Die Polizei sperrte das Umfeld nicht wirksam ab. Reporter und Kamerateams konnten sich dem Bus nähern, manche betraten ihn sogar. An der Raststätte Grundbergsee nahm die Polizei Marion Löblich fest. Hans-Jürgen Rösner und Dieter Degowski verlangten ihre sofortige Rückkehr und drohten, eine Geisel zu erschießen. Als sich die Freilassung verzögerte, schoss Dieter Degowski dem 14 Jahre alten Emanuele De Giorgi in den Kopf. Der Schüler starb später im Krankenhaus. Fast zeitgleich kam der Polizeibeamte Ingo Hagen bei einem Verkehrsunfall auf dem Weg zum Einsatz ums Leben.

Das Ende auf der A3

Nach einer Fahrt bis in die Niederlande erhielten die Täter ein neues Fahrzeug. Die meisten Geiseln kamen frei, Silke Bischoff und Ines Voitle blieben in ihrer Gewalt. Über Wuppertal gelangte der Wagen nach Köln, wo das Verbrechen vor laufenden Kameras wie eine improvisierte Pressekonferenz wirkte.

Kurz nach 13.30 Uhr stoppte ein Sondereinsatzkommando den BMW auf der A3 bei Bad Honnef. Bei dem Zugriff fielen zahlreiche Schüsse. Ines Voitle entkam verletzt. Silke Bischoff wurde von einem Projektil aus der Waffe von Hans-Jürgen Rösner tödlich getroffen. Ob sich der Schuss gezielt, versehentlich oder als Reaktion auf den Polizeizugriff löste, ließ sich später nicht abschließend klären. Hans-Jürgen Rösner, Dieter Degowski und Marion Löblich wurden festgenommen.

1991 verurteilte das Landgericht Essen Hans-Jürgen Rösner und Dieter Degowski zu lebenslangen Freiheitsstrafen. Gegen Hans-Jürgen Rösner ordnete das Gericht zusätzlich Sicherungsverwahrung an. Marion Löblich erhielt neun Jahre Haft.

Eine Zäsur für Polizei und Presse

Die 54 Stunden offenbarten schwere Koordinationsprobleme zwischen Polizeibehörden und Bundesländern. Ebenso folgenreich war die Debatte über das Verhalten der Medien. Der Deutsche Presserat verschärfte nach Gladbeck seine Regeln. Journalisten sollen während einer laufenden Tat keine Täterinterviews führen, nicht eigenmächtig vermitteln und sich nicht zum Werkzeug von Kriminellen machen lassen. Warum gerade Geiselnahmen diese Grenzen besonders wichtig machen, erklärt der Wissensartikel Geiselnahmen und Presse.

Die ausführliche Rekonstruktion findet ihr in der Story 54 Stunden vor laufenden Kameras.

Update Es gibt Neuigkeiten: Klickt hier! Gladbeck: Bremer Senat legt Hilfen für Opfer offen Update lesen