Attentäter: Definition und Merkmale
Ein Attentäter tötet gezielt eine bestimmte, meist öffentlich bekannte Person aus politischer, religiöser oder ideologischer Überzeugung. Im Unterschied zum Amokläufer richtet sich die Tat nicht gegen zufällige oder anonyme Opfer, sondern gegen ein sorgfältig ausgewähltes Ziel, das für ein System, eine Institution oder eine Idee steht. Der Attentäter sieht die eigentliche Person meist nur als Stellvertreter: Getroffen werden soll durch sie das, wofür sie steht.
Attentäter unterscheiden sich von Auftragsmördern dadurch, dass ihr Motiv nicht finanzieller Gewinn ist, sondern eine politische oder weltanschauliche Überzeugung. Viele verstehen ihre Tat als eine Form der Gerechtigkeit oder des Widerstands, oft als Vergeltung für ein wahrgenommenes kollektives Unrecht, dem sie selbst oder eine Gruppe, der sie sich zugehörig fühlen, ausgesetzt war. Diese Überzeugung unterscheidet sie auch vom Ehrenmörder, dessen Motiv sich auf die eigene Familie oder engere Gemeinschaft beschränkt, während der Attentäter meist im Namen einer größeren politischen oder nationalen Sache handelt.
Merkmale
1. Persönlichkeitsmerkmale
- Starke ideologische Überzeugung: Attentäter handeln aus einer tief verinnerlichten politischen, religiösen oder nationalen Überzeugung heraus, die ihre Tat in den eigenen Augen rechtfertigt.
- Selbstverständnis als Vollstrecker: Viele sehen sich nicht als gewöhnliche Kriminelle, sondern als Werkzeug einer höheren Gerechtigkeit, oft bereit, für die Tat die eigene Freiheit oder das eigene Leben zu opfern.
- Bereitschaft zum Martyrium: Ein wiederkehrendes Muster ist die fehlende oder nur halbherzige Fluchtabsicht nach der Tat. Manche versuchen sogar, sich selbst zu töten, um als Märtyrer für ihre Sache zu gelten.
2. Verhalten und Vorgehensweise
- Gezielte Auswahl des Opfers: Das Ziel wird nicht zufällig gewählt, sondern wegen seiner symbolischen oder tatsächlichen Machtposition.
- Einzeltat statt Serie: Anders als Serien- oder Massenmörder handelt es sich in aller Regel um eine einmalige, öffentlichkeitswirksame Tat, nicht um ein wiederkehrendes Muster.
- Häufig Einzeltäter mit Rückhalt einer Gruppe: Die Tat wird oft von einer Person allein ausgeführt, ist aber nicht selten in eine größere politische Bewegung, Geheimorganisation oder Racheoperation eingebettet, die die Ausführung plant oder unterstützt.
3. Frühere Anzeichen und Entwicklung
- Politische Radikalisierung: Der Radikalisierungsprozess verläuft meist über Monate oder Jahre, oft innerhalb studentischer, religiöser oder nationalistischer Zirkel.
- Persönliche oder kollektive Verlusterfahrung: Viele Attentäter haben selbst Verfolgung, Krieg, Vertreibung oder den Verlust von Angehörigen erlebt, was ihre Überzeugung zusätzlich befeuert.
- Offen geäußerte Absicht: Anders als bei heimlich planenden Tätertypen finden sich bei Attentätern in der Rückschau auffällig oft frühere, teils unverhohlene Ankündigungen der Tat in Tagebüchern, Briefen oder im Gespräch mit Gleichgesinnten.
4. Klassifikation von Attentätern
Attentäter lassen sich grob nach ihrem Handlungsrahmen unterscheiden:
- Einzeltäter aus persönlicher Überzeugung: Handeln ohne direkten Auftrag einer Organisation, oft aus einer selbst entwickelten radikalen Weltanschauung heraus.
- Mitglieder organisierter Racheoperationen: Handeln im Auftrag oder mit Rückendeckung einer politischen Gruppierung, die gezielt Verantwortliche für ein historisches Unrecht verfolgt.
- Staatlich oder halbstaatlich gelenkte Attentäter: Handeln im Auftrag eines Staates oder Geheimdienstes gegen politische Gegner im In- oder Ausland.
5. Psychologische Theorien und Erklärungen
- Theorie der kollektiven Identität: Attentäter handeln oft weniger aus individuellem Hass als aus einer starken Identifikation mit einer Gruppe (Nation, Volk, Religion), deren erlittenes Unrecht sie stellvertretend vergelten wollen.
- Rationalisierung durch höheres Recht: Ähnlich wie bei Ehrenmördern rechtfertigen Attentäter ihre Tat häufig durch die Berufung auf ein vermeintlich höheres, über dem staatlichen Recht stehendes Prinzip von Gerechtigkeit.
- Trauma und Vergeltung: Bei Attentätern, die selbst Opfer von Verfolgung oder Gewalt wurden, spielt die Verarbeitung eines schweren kollektiven Traumas durch eine symbolische Vergeltungstat eine zentrale Rolle.
Fallbeispiele
- Karl Ludwig Sand: Erstach 1819 den Schriftsteller August von Kotzebue aus nationalistischer Überzeugung. Das Attentat lieferte den Vorwand für die Karlsbader Beschlüsse und die jahrelange Verfolgung der deutschen Burschenschaftsbewegung.
- Soghomon Tehlirian: Erschoss 1921 in Berlin den früheren osmanischen Großwesir Talaat Pascha als Vergeltung für den Völkermord an den Armeniern. Ein Berliner Gericht sprach ihn frei, in einem der ersten Prozesse, die den Völkermord öffentlich thematisierten.
Fazit
Attentäter handeln aus politischer oder ideologischer Überzeugung gegen ein gezielt ausgewähltes, meist öffentliches Opfer, nicht aus persönlichem Gewinn oder wiederkehrendem Zwang. Ihre Taten wirken oft weit über den unmittelbaren Fall hinaus, weil sie politische Prozesse anstoßen oder historisches Unrecht öffentlich verhandeln lassen. Das Verständnis ihrer Motive ist wichtig, um die Grenze zwischen individueller Gewalttat und politischem Symbolakt einordnen zu können.